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| 01:40 Uhr

Die etwas anderen Zeitarbeiter

Brandenburg. Das Zimmer sieht fast aus wie ein Redaktionsraum der „Bravo“, an der Wand pappen unzählige Fotos von Musikern. Aber es sind Kunden der Arbeitsagentur, registriert bei der ZAV-Künstlervermittlung, der Künstler-Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Von Gunnar Leue

Gelegentlich kommen Musiker sogar zum Vorspielen ins Haus in der Berliner Friedrichstraße, in dem es auch ein kleines Studio samt Konzertflügel gibt.

Dorthin bittet sie oft Andrea Nordbrink, Arbeitsvermittlerin für Musiker, Bands, DJs. Die vor 60 Jahren unter dem Dach des Arbeitsamts gegründete ZAV-Künstlervermittlung wirbt für sich als "Top-Adresse im Vermittlungsbereich" mit einem einmalig großen Pool an Künstlern unter anderem aus Film & TV, Theater, Komparserie, Mode und Musik.

Allein Andrea Nordbrink kann auf über 1300 Bands in ihrer Kartei zurückgreifen - von der Metalband bis zur Bayern-Kapelle. "Die meisten sind Vollprofikünstler, denen wir Arbeit verschaffen wollen, damit sie nicht die Leistungen der Arbeitsagentur in Anspruch nehmen müssen."


In Berlin, dem größten der bundesweit sieben Standorte, versuchen 20 Mitarbeiter, das Nützliche für die Künstler mit dem Angenehmen für die Agentur - weniger Hartz IV-Bezieher - zu verbinden. Auch sie sind Vollprofis, die sich mit dem spezifischen Aufgabengebiet bestens auskennen. "Viele Vermittler waren vorher in der künstlerischen Branche tätig oder haben im Veranstaltungsmanagement gearbeitet", sagt Michael Dunst, einer von zwei Teamleitern.

In die ZAV-Kartei schaffen es nur professionelle Künstler, von deren Qualität man sich überzeugt habe, betont Andrea Nordbrink. Singende Hausfrauen, Hobbymusiker oder Bands, die nur Eigenkompositionen zur Selbstverwirklichung spielen wollen, hätten keine Chance. "Die Firmen sagen ganz klar, was sie wollen. Sie buchen lieber Musiker, die bekanntes Repertoire spielen statt eigener Songs." Andererseits haben auch Leute eine Chance, die mit einer gewissen Exotik aufwarten können.


Anfragen für private Feiern

300 Bands präsentieren sich allein auf der Homepage der Berliner ZAV-Musiksparte, die auch Brandenburg mit betreut. "Viele Künstler wollen natürlich nach Berlin, aber die Vermittlung erfolgt ebenfalls umgekehrt", sagt Andrea Nordbrink. "Aus Brandenburg kommen viele Anfragen für private Feiern, Hochzeiten oder Silvester." Hotels und Eventagenturen aus dem Land vermittele man ebenso regelmäßig Künstler wie zu den Kahn-Nächten im Spreewald oder zur Potsdamer Schlössernacht.

"Wir vermitteln natürlich nie zu Dumpinglöhnen, 1-Euro-Musiker gibt's bei uns nicht." Für einen professionellen Musiker im Rock/Popbereich sind pro Stunde 50 Euro plus Mehrwertsteuer zu berappen, bei Galabands wird's teurer. "Man muss bedenken, dass die nicht jeden Tag einen Job bekommen. Trotzdem wollen manche Kunden gerade jetzt in der Krise feilschen. Aber wir haben ja auch eine Verantwortung für den Markt."


Jahreszeitenabhängig

Die Chancen auf ein Engagement sind für die konkurrierenden Musiker zudem sehr jahreszeitenabhängig. Für Sommerfeste sind stark Latin- und Salsamusiker gefragt. In der Weihnachtszeit stehen das klassische Bläsertrio, Swingbands und der singende Weihnachtsmann hoch im Kurs. Bei den staatlichen Künstlervermittlern klingelt sowohl der Kleingärtner an, der ein Duo für sein Sommerfest sucht, als auch das Großunternehmen, das eine Big Band fürs Firmenevent möchte. Gut denkbar, dass die privaten Künstleragenturen über die staatliche Konkurrenz wenig erbaut sind. Von wegen, sagt Andrea Nordbrink.

"Privatagenturen könnten als reine Künstlervermittler kaum überleben, sie kümmern sich um das gesamte Spektrum einer Veranstaltung von der Locationwahl bis zum Catering. Mit ihrem Künstlerportfolio bedienen sie häufig nur die gängigen Wünsche wie ein Jazztrio für Dinnermusik oder eine Band für Partymusik. Sobald es etwas ausgefallener wird, rufen die uns an." Das laufe ganz unkompliziert. Man warte aber nicht nur auf Anrufe, sondern präsentiere sich als "moderner Dienstleister" zum Beispiel auf Hochzeitsmessen, ITB oder der Seminar- und Tagungsbörse. Schließlich hat das Umland auch an Aufträgen für die Künstler einiges zu bieten.


Der Rechnungshof hat die ZAV vor Jahren unter die Lupe genommen, mit dem Ergebnis, so Michael Dunst, dass "die Tätigkeit der Künstlervermittlung im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags nicht in Frage gestellt" sei. Im Übrigen hätte sich die Arbeit der ZAV auch finanziell rentiert, wenn nur 15 Prozent der betreuten Künstler vor Hartz IV bewahrt würden.

Allerdings sei nicht nur die Einsparung von Leistungen das Ziel der ZAV. "Wir haben auch den besonderen Auftrag, den Arbeitsmarkt in der Kultur zu bedienen." Der Promifaktor spielt in dem Zusammenhang keine Rolle. Nur vereinzelt finden sich in der Homepage-Sparte Rock/Pop neben popularitätsfernen Muggern wie Hein & Kuddel auch semibekannte Namen wie Guildo Horn. "Berühmte und teure Künstler haben ihre eigenen Agenten", sagt Nordbrink.