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| 10:42 Uhr

Die erschütternde Reise des Kandidaten

Markus Feldenkirchen gewährt in "Die Schulz-Story" einen einmaligen Blick in den bundesdeutschen Politikbetrieb. Henning Rasche

Markus Feldenkirchen gewährt in "Die Schulz-Story" einen einmaligen Blick in den bundesdeutschen Politikbetrieb.

Ein paar Wochen vor der Bundestagswahl wunderte sich die "Welt", dass kein Schriftsteller oder Journalist sich allzu sehr für den Kanzlerkandidaten Martin Schulz interessierte. Das Springer-Blatt hatte beobachtet, dass der SPD-Politiker nicht dauerhaft von einem Reporter begleitet werde. So wie Willy Brandt einst von Günter Grass oder selbst Peer Steinbrück vom Journalisten Nils Minkmar. Schulz sei nicht einmal spannend genug für ein Buchprojekt - das war die Schlussfolgerung der "Welt". Was für eine obskure Fehleinschätzung.

Martin Schulz wurde sehr wohl begleitet, und zwar vom "Spiegel"-Autor Markus Feldenkirchen. Herausgekommen sind preisgekrönte Reportagen und "Die Schulz-Story", ein Buch, das einen verblüffenden, einen beinahe unfassbaren Einblick in das Innerste der deutschen Politik gewährt. Schulz und Feldenkirchen hatten für dieses Buch nur eine Regel verabredet: Der Autor dürfe kein einziges Wort vor der Wahl veröffentlichen. Dafür erfuhr er alles: erlebte Aufstieg und Fall des Martin Schulz mit, las SMS von Sigmar Gabriel und saß bei den konspirativsten Treffen der Kampagne mit am Tisch. Feldenkirchen war derart nah am Kanzlerkandidaten, dass wohl kein Politiker mehr so einen engen Zugriff gewähren wird.

Um es vorwegzunehmen: Dieses Buch ist absolut lesenswert. Wer glaubt, in der zuvor veröffentlichten Reportage bereits alles Wesentliche erfahren zu haben, der irrt. Der Autor hat 320 Seiten verfasst, die Aufschluss geben. Aufschluss über den Zustand der sozialdemokratischen Partei, Aufschluss über die irren Mechanismen der Berliner Politik und mancher Medien, aber auch Aufschluss über einen Menschen mit allen Fehlern und Stärken, seiner Hoffnung und seiner Verzweiflung, über einen Menschen, der Bundeskanzler werden wollte und brachial scheiterte.

Feldenkirchen nimmt sich in dem Buch, das sich wie eine lange und kurzweilige Reportage liest, angenehm zurück. Der Autor taucht zwar auf, aber er spielt keine Rolle. Es geht nicht um ihn, und das weiß Feldenkirchen. Er ist sehr nah dran, wird aber von der Nähe nicht eingenommen, er macht sich nicht mit dem Kandidaten gemein. Feldenkirchen lässt Martin Schulz seine Sprache, die Sprache des Rheinländers, der eher "Chulz" als "Schulz" heißt. Auch das beschreibt das Buch schließlich, wie die Vielzahl der Umfragen hinterherhechelnden Berater dem Kandidaten sogar seinen Dialekt austreiben wollen. Für einen Wahlwerbespot muss Schulz so oft das Wort "manche" wiederholen, weil es immer klingt wie "mansche", dass der Kandidat beinahe ausflippt. Man kann ihn gut verstehen in diesem Moment.

Dieses Buch ist daher auch erschütternd. Die Strategen der SPD verfolgen mit einer Selbstverständlichkeit Mechanismen, deren Auswirkungen sie nicht abschätzen können. Sie treiben ihm die Schärfe aus seinen Reden, aus Angst vor zu viel Polarisierung. Feldenkirchen beschreibt Sitzungen, in denen bereits beschlossene verbale Attacken wieder abgesagt werden, aus Sorge davor, das könne bei der Bevölkerung falsch ankommen. Stattdessen kommen die weichgespülten Botschaften gar nicht mehr an.

Martin Schulz, der leidende Hoffnungsträger, kann all das nicht abwenden, sondern lässt sich von einem wahnsinnigen System mürbe machen, das er eigentlich verändern wollte. Ihm fehlt das Verständnis für den Berliner Politikbetrieb, weil er ihn nicht verstehen will. Schulz wollte es anders machen.

Feldenkirchens Beobachtungen sind einzigartig. "Womöglich ist es auch ein Problem, wenn man täglich vor derselben Keksmischung sitzt", schreibt der Autor über Martin Schulz, der sich in immer gleichen Runden mit immer gleichen Ritualen konfrontiert sieht. Der Leser lernt bei alldem einen Menschen kennen, der Martin Schulz heißt.