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| 19:05 Uhr

Fotoausstellung
Im Schoß der Zeitlosen

Die ehemalige Cottbuserin Kathrin Karras zeigt im Potsdamer Kulturministerium ihre Fotoserie „Schattenrisse“.
Die ehemalige Cottbuserin Kathrin Karras zeigt im Potsdamer Kulturministerium ihre Fotoserie „Schattenrisse“. FOTO: MOZ / Thomas Klatt
Potsdam. Die ehemalige Cottbuserin Kathrin Karras zeigt im Potsdamer Kulturministerium ihre Fotoserie „Schattenrisse“

Auf den ersten Blick wirken die Fotografien verschwommen. Erst auf den zweiten sieht der Betrachter die Absicht. Die Fotografien von Kathrin Karras gehen weit unter die Oberfläche. Sie verzichten in ihrer Konturlosigkeit auf die klaren Kanten, die man üblicherweise in der Fotografie erwartet. Karras braucht sie nicht, sie setzt auf die Kraft der Fantasie, auf das, was nicht auf den ersten Blick zu sehen ist.

Die Motive sind ganz unterschiedlich: Das Kind im roten Mantel, das sich abwendet vom Betrachter, wirkt geheimnisvoll wie aus einem Märchen von Hans Christian Andersen. Ein anderes Motiv: Eine Frau geht die Treppe hinauf und dreht sich noch einmal ängstlich um. Was sieht sie? Wir wissen es nicht. Manche Bilder haben einen Titel, andere nicht.

Etwa 50 großformatige Fotografien hängen seit kurzer Zeit in den Fluren und im Empfangsbereich des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Potsdam. Seine Chefin, Ministerin Martina Münch, sonst eine Meisterin sachlichen Politikstils, hat bei der Eröffnung gesagt, dass sie sich sehr berührt fühle.

„Im Schoß der Zeitlosen“ nennt Karras eine ihrer Fotografien, in der eine Frau auf einem weißen Pferd sitzt; ein Kind hält die Zügel und führt die Beiden aus dem Bild heraus. Ein anderes Motiv: Drei Frauen in einem Birkenwald. Erst beim zweiten Hinsehen sieht der Betrachter die zwei Männer zwischen den Baumstämmen. Fast wirkt die Fotografie dreidimensional. Ein anderes Bild zeigt Puppenköpfe aus Porzellan. Sie liegen irgendwo im Sand. Wirklich?

Auch der unvoreingenommene Betrachter fühlt sich bald emotional berührt. Es ist, als kämen die Bilder aus dem Unterbewusstsein nach oben. Ohne Aufforderung fühlt er sich versetzt in die eigene Kindheit und in die Welt der Imaginationen. War da nicht ein Geräusch in der Nacht? Ist das nicht Großmutters Sonntagskleid, das vor Jahrzehnten in der guten Stube raschelte? Und spielten wir nicht noch vor Kurzem in ebendiesen mystischen Wäldern, die Karras hier erfunden hat?

Ist das, was hier zu sehen ist, eigentlich noch Fotografie? Oder doch eher Malerei, die mit fotografischen Mitteln entsteht? Karras, Jahrgang 1967, hat eine ungewöhnliche Herangehensweise für sich gefunden. „Ich arbeite mehrschichtig, überlagere, zerstöre Bildflächen, verfremde sie, füge Aufnahmen hinzu und fotografiere teilweise bereits Fotografiertes neu. Die Bilder entstehen assoziativ und sind nicht wiederholbar. Alles ist Fotografie.“ So beschreibt Kathrin Karras ihre Arbeit. Bereits während des Aufnahmeprozesses verfremdet sie das Bild durch Verzerrungen, Spiegelungen und Unschärfen sehr stark. „Ich experimentiere. Ich spiele mit dem Medium“, sagt sie.

Meist sind es mehrfache Überlagerungen, die sie entstehen lässt und die ein neues, eigenständiges Bild ergeben. „Ich trage Schichten auf und ab“, sagt Kathrin Karras. „Ich bin eine Schichtarbeiterin“ sagt sie und lacht. Das war sie früher tatsächlich, als sie bei der Tageszeitung Lausitzer Rundschau den Beruf einer Satztechnikerin mit Abitur erlernte. Später arbeitete sie in Cottbus als Buchhändlerin, studierte jedoch bald Fotografie bei imago Fotokunst Berlin. Ihre Mentorinnen waren Ursula Kelm und Gundula Schulze-Eldowy. Beide sind international anerkannte Fotografinnen mit ausgewiesener fachlicher Vorbildfunktion. Befreundet ist sie mit beiden noch heute.

Ihre ungewöhnlichen fotografischen Intentionen gehen vielleicht auf ihren Großvater zurück. Der war ein ambitionierter Hobbyfotograf in Guben an der Neiße und hinterließ vor allem stapelweise Farbdias und unendlich viele eigens kolorierte Farbaufnahmen. „Jeder von uns ist nicht nur er selbst, sondern das Resultat des Vergangenen. Alles, was war, ist in uns. Die Leben derer, die uns nahe standen, wirken nach“, spürt Karras.

Alle Fotoarbeiten sind in den Jahren 2010 bis 2018 entstanden. „In einer bildnerischen Verschmelzung wird etwas vielschichtig Komplexes in einem einzigen Moment zum Ausdruck gebracht“, so formuliert es die Laudatorin Anke Zeisler.

Kathrin Karras lebt mit Mann und Kind in Oberhavel auf dem Land. Dort, wo die Topografie eine andere ist als in ihrer Lausitzer Heimat. Irgendwie weiter, in Berlin-Nähe und dennoch in der Provinz. Wo das Kameraauge das Land vermessen kann und zurückwirft auf die Realität. Ein Ort wie gemacht dazu, um zu sich selbst zu finden.