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| 10:21 Uhr

Düsseldorf
Die dunkle Seite des Internets

Düsseldorf. Die Filmdokumentation "The Cleaners" berichtet von Menschen, die im Auftrag von Facebook und Co. Schmutz aus dem Netz fischen. Philipp Holstein

Die Filmdokumentation "The Cleaners" berichtet von Menschen, die im Auftrag von Facebook und Co. Schmutz aus dem Netz fischen.

Eine der Frauen hat in den vergangenen drei Jahren wohl schon hundert Enthauptungen gesehen. Sie ist wider Willen zu einer Spezialistin des Grauens geworden. Und sollte sie wieder ein Video auf den Monitor bekommen, in dem ein Mensch geköpft wird, sagt sie, wünsche sie sich, die Täter mögen ein scharfes langes Messer verwenden. Bei den stumpfen und kurzen dauere es immer so lange.

Die Frau, die das erzählt, arbeitet in Manila als Content-Moderatorin für soziale Netzwerke. Wenn sich irgendwo auf der Welt jemand über ein Bild bei Facebook, Twitter oder Google beschwert, wird es zu ihr oder ihren Kollegen auf die Philippinen geschickt. Innerhalb weniger Sekunden wird es nach den Richtlinien des jeweiligen Unternehmens beurteilt und entweder gelöscht oder im Netz gelassen. Die Branche arbeitet weitgehend im Verborgenen, und umso wertvoller sind die Einblicke, die der Dokumentarfilm "The Cleaners" von Hans Block und Moritz Riesewieck bietet.

Die beiden Regisseure, die sonst am Theater arbeiten, sprachen für ihr Filmdebüt heimlich mit Mitarbeitern der digitalen Räumkommandos. In Manila hat die größte Löschzentrale ihren Sitz. Die Interviewten bleiben anonym, sie kümmern sich vor allem um Inhalte aus den USA und Europa: Gewalt, Kindesmissbrauch, Cyber-Mobbing, Terror. "Ohne uns herrschte Chaos im Internet", sagen sie.

Der Film erzählt zwei Geschichten. Die erste handelt von tausenden in prekären Verhältnissen lebenden Menschen - offizielle Daten über die Löschtrupps existieren nicht -, die sich während einer Schicht in Fabriketagen bis zu 25.000 Bilder mit Gewaltdarstellungen ansehen müssen. Der Lohn: ein bis drei Dollar pro Stunde. Sie ernähren damit ihre Familien, denen sie nur erzählen, dass sie einen Bürojob haben. Sie dürfen daheim nichts über ihre Arbeit berichten, sie unterschreiben Schweigeerklärungen, und die Richtlinien, nach denen Inhalte gelöscht werden, dürfen keinesfalls weitergegeben werden. Sie reden nur von "Kunden" und "Apps". Eine Schatten-Industrie, aus der viele seelisch versehrt wieder auftauchen. Einmal bekam eine Angestellte einen Live-Stream auf den Monitor. Ein Mann war dabei, sich vor laufender Kamera zu erhängen. Sie durfte den Film nicht aus dem Netz nehmen, das hätte gegen die Regeln verstoßen. Erst als der Körper leblos am Seil hing, wurde der Clip gelöscht, weil man keine Leichen zeigen darf. Über einen Kollegen heißt es, er habe sich nach einer Schicht, in der er Videos von Selbstverletzungen ansehen musste, das Leben genommen.

Die zweite Geschichte, die der Film erzählt, ist die von der Macht sozialer Netzwerke, die die Welt gleichmachen möchten und nicht einsehen, dass das nicht geht. Mehr als drei Milliarden Menschen sind durch diese Medien miteinander verbunden. In jeder Minute werden 500 Stunden Film auf Youtube hochgeladen, 450.000 Tweets veröffentlicht und 2,5 Millionen Posts bei Facebook abgesetzt. Wäre Facebook ein Land, es hätte die größte Bevölkerung der Welt. Diese Firmen bestimmen die globale Agenda, aber sie reden nicht darüber, wie sie es tun. Auf Anfragen bekamen die Regisseure aus dem Silicon Valley keine Reaktion.

Also interviewten sie Aussteiger, frühere Manager von Google und Facebook wie Nicole Wong, und sie zeigen Befragungen amtierender Manager vor dem US-Kongress. So kommt man immerhin dahinter, dass Listen mit terroristischen Vereinigungen existieren, deren Postings sofort gelöscht werden müssen. Außerdem Listen von Symbolen, die man nicht sehen möchte. Nacktheit ist strikt verboten. Das berühmte Foto der neunjährigen Kim Phuc, die 1972 nach einem Napalm-Angriff in Vietnam schreiend auf einen Reporter zurennt, würde heute gelöscht werden. Das Symbol dieses Krieges würde als Kinderpornografie ausgelesen werden.

Diese Richtlinien haben Menschen erdacht, die in modern designten Büros in sonnenverwöhnten Staaten leben. Sie gelten überall, obwohl sie vielerorts an Grenzen stoßen. In Kriegsgebieten etwa. Ein Mitglied der Nichtregierungsorganisation Airwars etwa kritisiert, dass Videos vom Krieg in Syrien zumeist sofort gelöscht werden, sobald dort Leichen zu sehen sind. Diese Videos hätten indes einen Nachrichtenwert, sie dienten seiner Organisation dazu, sich ein genaues, wahrhaftiges Bild vom Krieg zu machen.

Ein Journalist aus der Türkei erzählt, dass regierungskritische Inhalte in seinem Land meist nicht zu sehen seien, weil Präsident Erdogan sonst Facebook oder Twitter womöglich komplett blockieren würde. Internet-Firmen, mutmaßt er, entscheiden deswegen schon vorauseilend, was gesetzmäßig ist in einem Land und was nicht. Das Recht werde so vom Staat auf Wirtschaftsunternehmen ausgelagert. Vor dem Kongress darauf angesprochen, antwortet ein Facebook-Manager, dass man tatsächlich Inhalte für bestimmte IP-Adressen - sozusagen der Personalausweis eines Computers - sperren lassen kann. Türkeikritische Inhalte könnten so in der Türkei nicht abgerufen werden.

"The Cleaners" dokumentiert, wie viel Einfluss soziale Netzwerke auf den Lauf der Welt haben. Wie mit ihrer Hilfe Donald Trump die Wahl gewann. Und welche Wirkung Hasspostings gegen die Rohingya in Myanmar haben. David Kaye, UN-Sonderberichterstatter für Meinungsfreiheit, sagt, die sozialen Medien wollten einerseits nur das Bequeme und Angenehme zulassen. Sie machten die Welt ärmer, indem sie sie beschneiden. Andererseits gelingt genau das eben nicht, weil Algorithmen nicht zwischen Satire und Wahrheit, Dokument und Fälschung unterscheiden können. Und die Menschen, die den digitalen Dreck wegkehren sollen, sind überfordert oder verfolgen ihre eigene Mission, "das Auslöschen der Sünde" etwa, wie eine Interviewte zugibt, die darunter vor allem sexuelle Darstellungen versteht.

Soziale Medien haben Einfluss auf den Fortbestand der Demokratie, darin sind sich in diesem wichtigen Film alle einig. Und je länger man ihn sich ansieht, desto zorniger wird man. Auf diejenigen, die Hass und Gewalt hochladen. Und mindestens ebenso auf die, die diesen Menschen ein Forum geben und offenbar überhaupt nicht daran interessiert sind zu sagen, warum und nach welchen Maßgaben. Die Köpfe hinter Facebook und Co. bestimmen große Teile unseres Alltags.

Aber im Grunde weiß man nichts über sie.