ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 15:34 Uhr

Jubiläum
Von der Wendehymne zum Ostalgiehit

Kau-Uwe  Kohlschmidt/Sandow.  Foto: Gunnar Leue
Kau-Uwe Kohlschmidt/Sandow. Foto: Gunnar Leue FOTO: Gunnar Leue
Berlin. Die Cottbuser Band Sandow lieferte vor 30 Jahren als direkte Reaktion auf das Ostberliner Bruce-Springsteen-Konzert mit „Born in the GDR“ einen legendären Song. Von Gunnar Leue

Zur Jahrtausendwende hatte Herbert Grönemeyers Plattenfirma Grönland Records ein ambitioniertes Projekt realisiert: „Pop 2000 – 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland“ auf einem Box-Set. Es enthielt als einen der (wenigen) ostdeutschen Beiträge auch den Song „Born in the GDR“, den die Cottbuser Band Sandow 1988 geschrieben hatte. „Das haben wir mit einem gewissen Stolz quittiert,  oder besser gesagt mit einem verschmitzten Lächeln“, wie Sandow-Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt einige Jahre später zu der Ehre sagte. Der Grund für diese Zweideutigkeit hat seine Ursache – und die hängt sehr mit einem Konzert von Bruce Springsteen zusammen, das vor 30 Jahren, am 19. Juli 1988, in Berlin-Weißensee stattfand. Es war das größte Rockkonzert, das je in der DDR über eine Bühne ging. Offiziell waren 160 000 Zuschauer dabei, tatsächlich eher bis zu 300 000.

 Kai-Uwe Kohlschmidt, der mit seiner 1982 gegründeten Gruppe Sandow zu den jungen, unangepassten, sogenannten anderen Bands gehörte, die sich im radikalen Kontrast zu den etablierten Rockbands sahen, gehörte nicht zu den Konzertbesuchern. Allerding hatte er kurz zuvor das Konzert von US-Soul-Legende James Brown in Weißensee gesehen. Schon das war eine Sensation, hatten doch die großen Westrockstars zuvor meistens einen Bogen um die DDR gemacht wie die berühmte Banane. Nun, wo das Land ausblutete, weil immer mehr vor allem junge Leute die Republik verließen, wollte die DDR-Führung retten, was nicht mehr zu retten war. Um die Sympathie der frustrierten Jugend nach dem Brot-und-Spiele-Prinzip wieder einzufangen, bekam der staatliche Jugendverband FDJ Devisen in die Hand, damit sie die Weststars ins Land holen konnten. 1987 kam Bob Dylan, 1988 kamen Joe Cocker und in Weißensee Fischer Z, Marillion, James Brown und Bryan Adams, den Katarina Witt ansagte, was ihr mit Pfiffen vergolten wurde. Auch für die eher alibihalber dazugeholten DDR-Bands wie City oder NO 55 gab es wenig zu lachen. Der Revierschutz für die einheimischen Rocker war praktisch aufgehoben.

 All das hatte Kai-Uwe Kohlschmidt beim James-Brown-Konzert erlebt, diese Demütigung der eignen ostdeutschen Musikstars, die quasi stellvertretend für die DDR-Obrigkeit ihr Fett abbekamen, „wie sie ausgepfiffen oder ignoriert wurden und dann das sehnsüchtige Warten auf den großen Weststar“. Das Springsteen-Konzert, wo die imaginäre Westflucht der DDR-Zuschauer für drei Stunden noch auffälliger war, hatte sich Kohlschmidt dann nur noch im Fernsehen angeschaut. Es reichte, um eine  kreative Initialzündung mit Sandow auszulösen.

 „Wir sind gleich einen Tag später ins Probenstudio und hatten nach einer Stunde das Lied ‚Born in the GDR’ fertig.“ Der Bezug zu Springsteens umjubeltem Hit „Born in the USA“ war in jeder Hinsicht unverkennbar. Zitat: „Wir können bis an unsere Grenzen geh‘n/Hast du schon mal drüber hinweg geseh‘n/Ich habe 160 000 Menschen geseh‘n/Die sangen so schön, die sangen so schön: Born in the GDR“.

 Dass der Song über die Undergroundszene hinaus strahlte, war dem Jugendradio DT 64 zu verdanken, das einen Konzertmitschnitt aus Suhl gesendet hatte. „Andere Radioleute konnten sich auf die Ausstrahlung berufen und den Song weitersenden, sodass er seinen Weg in die breite Öffentlichkeit fand. Es gab insofern keine Zensur, nur auf Platte durfte es nicht erscheinen“, erinnert sich Kai-Uwe Kohlschmidt. Beim DDR-Rundfunk und beim staatlichen Plattenlabel Amiga habe es damals zwar viele mutige Leute gegeben, aber als Einzelner hätte niemand gern in Verantwortung stehen wollen für etwas, das vielleicht irgendwas Negatives auslösen könnte.

 Das Sandow-Debütalbum „Stationen einer Sucht“ war zwar schon im Februar 1989 im Kasten, doch „Born in the GDR“ und andere Songs voller Texte, die die bleierne Zeit in der DDR spiegelten, hatten eine Veröffentlichung verhindert. Die bis in die Büros des Amiga-Chefredakteurs und des DDR-Kulturministeriums reichenden Diskussionen über das Werk zogen sich hin. „Bis die Mauer fiel“, so Kohlschmidt, „danach wurde es durchgewinkt.“

Nach der Wende habe das „Spottlied“ dann ein Eigenleben entwickelt, als nämlich „der Ostler merkte, was ihm gerade so widerfährt, mit Massenarbeitslosigkeit und Treuhand, wo ihm das Volkseigentum unterm Arsch weggezogen wurde und auch seine Vergangenheit und Identität“. In dem Moment habe das Lied mit der markanten Headline wieder an Bedeutung gewonnen. „Allerdings wollten und konnten wir mit dem offenbar ordentlichen nostalgischen Beigeschmack nichts anfangen.“ Die Band habe es zwar noch eine Weile  gespielt, weil es das Publikum empört einforderte, aber irgendwann, sagt Kohlschmidt, sei ihr klar gewesen: „Es gibt keinen Weg zurück. Wozu auch. Als Tourist würde man sagen: Das Land habe ich gesehen, ich will ein neues sehen.“

 Sandow gibt es (inklusive Pausen) immer noch und sie haben sich mit ihrer nach wie vor unbequemen Musik nicht ergeben wie andere, was sie auf ihrem 1990 erschienenen Debütalbum im Song „Schweigen & Parolen“ vorhersagten: „Sie labern dich voll bis an den Rand, man wird dich kaufen, wirst du als unbequem erkannt.“