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Ausstellung
Zum Bild gewordene Texte

Fotograf Prof. Matthias Leupold (M.),  Lehrer fur künstlerische Fotografie, an der BTK Hochschule für Gestaltung, erläutert seine 1956 fotografierten BIlder mit den Titeln „Traktoristin* und „Wäscherin“  der Kustodin Jeannette Brabanetz und Dr. Martin.Schick, Leiter des Museums Viadrina.
Fotograf Prof. Matthias Leupold (M.),  Lehrer fur künstlerische Fotografie, an der BTK Hochschule für Gestaltung, erläutert seine 1956 fotografierten BIlder mit den Titeln „Traktoristin* und „Wäscherin“  der Kustodin Jeannette Brabanetz und Dr. Martin.Schick, Leiter des Museums Viadrina. FOTO: Winfried Mausolf
Frankfurt (Oder). Die Ausstellung „Blick l Wendungen“ zeigt im Frankfurter Landesmuseum für moderne Kunst ihre Wirkung. Thomas Klatt

  Schrift auf Farbe, Wörter in Bildern, Malerei spielerisch mit Textblöcken  verbunden, Schrift überlagert Schrift. Oder der Klassiker: Künstler illustrieren Bücher. Die Ausstellung „Blick l Wendungen“  zeigt erst vor Ort im Frankfurter Landesmuseum für moderne Kunst ihre Wirkung. Die „Wendungen“ rücken zum Bild gewordene Texte und Sprachfragmente in den Fokus.

Etwa 20 Künstler aus Deutschland und Polen machen in der Frankfurter Rathaushalle, die eben einer Renovierung unterzogen wurde und erst seit Kurzem wieder zugänglich ist, auf eigene Art Zusammenhänge deutlich.

Auffällig ist, dass gerade Ost-Künstler mit Wort und Buchstabe spielerisch umgehen. Das mag mit der Zensur-Erfahrung in der DDR zusammenhängen, wo die Botschaft oftmals zwischen den Zeilen versteckt war. So verhielten sich auch Literaten, Kabarettisten, Sänger, Texter und Stückeschreiber. Eine stille Vereinbarung mit dem Publikum herzustellen, das dieselbe Sprache spricht und versteht, war vielen ästhetisches Prinzip.

Dass zum Beispiel Hans Ticha, der mehr als 90 Bücher illustrierte und seiner grellen Farben wegen als heimlicher Pop-Art-Künstler galt, auch satirische Arbeiten erstellte, ist wohl wenig bekannt. In einer grellen Grafik – Ticha macht seinem Ruf als schlitzohriger Veränderer von „Agit-Prop“ (Agitation und Propaganda) zu „Agit-Pop“ alle Ehre – spielt er hier mit dem Slogan  „Plane mit, arbeite mit, regiere mit“. Das ist jedoch nur bruchstückhaft zu lesen, der erinnernde Zeitzeuge fügt im Stillen den ironischen Zusatz jener Zeit hinzu: Resigniere mit!

Joseph W. Huber, einer der bekannten Postkartenkünstler des Prenzlauer Bergs, arbeitete eher im Verborgenen. In der Szene war er schon zu Anfang der 80er-Jahre durch seine Serie „Denkzettel“ einem kleinen Kreis bekannt geworden. In Frankfurt sind nun weitere grafische Arbeiten zu sehen.

In denen spielt er mit dem Wort „ung“. Ironisch geht er hierbei mit der Sprache des „Neuen Deutschlands“, der zentralen Zeitung der SED, um. Auch hier ist die Einordnung nicht unwichtig: Die offizielle Sprache der Partei, getragen und transportiert durch jenes Zentralorgan, verlangte Wichtigkeit und Größe im Ausdruck. Das führte unweigerlich zum inflationären Gebrauch von Substantiven wie Bereicherung, Verwirklichung, Entwicklung, Auseinandersetzung, Erfüllung.

Die Parteizeitung  „ungt“ mal wieder, hieß es dann. Huber setzt die „ung“-Wörter so zusammen, dass sie immer kleiner werden und letztlich in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Einem Foto mit dem damals bekannten Berliner Kristall-Wodka, nicht gerade eines der Edelgetränke jener Jahre, setzt er den offiziellen Slogan „Alles zum Wohle des Volkes!“ entgegen. Ironischer geht es kaum.

Bei der Malerin Cornelia Schleime, die bereits 1984 aus der DDR ausreiste, geht die Ironie deutlich in Satire über. Sie kombiniert Kopien aus ihrer Stasi-Akte mit eigenen Farbfotografien späterer Jahre. Da steht zum Beispiel im Bericht, dass die „Ermittelte bisher noch nicht in ihrer Wohnung übernachtet hat“. Dazu stellt Cornelia Schleime ein Bild von sich auf einem Bett unter Palmen an einem Südseestrand. Auf einem anderen Foto rekelt sie sich lasziv telefonierend auf dem Lotterbett. Der IM-Bericht dazu: „Einen Freund hat man im Haus noch nicht gesehen.“

Ganz anders Matthias Leupold. Auf großformatigen Fotos bildet er Werke der 3. Kunstausstellung in Dresden im Jahre 1953 nach. Es sind Motive, die damals als Siegeszug gegen die Moderne gehandelt wurden. Heißt: Leupold inszeniert diese Bilder im Großformat. Er konterkariert mit historischem Abstand die Handlungsanweisungen für den Sozialistischen Realismus.

Das kann leicht verstören, denn für viele Menschen war jene Zeit mit ehrlichem, friedlichem Aufbau des Landes verbunden. Aber ist er nicht auch ein Schelm? In dem Foto, in dem er ein Bild aus dem „Neuen Deutschland“ 1949 nachstellt, „baut“ sich Leupold selbst als jungen Lokführer ein.

Von den 100 ausgestellten Werken kommt etwa die Hälfte aus den Museums-Beständen in Cottbus und Frankfurt (Oder), die andere Hälfte sind Leihgaben anderer Häuser. Es ist die erste Ausstellung der neuen Kuratorin Jeannette Brabenetz. Sie ist in Frankfurt für die Bereiche Malerei und Handzeichnung zuständig. Die gebürtige Karl-Marx-Städterin war zuvor im schwäbischen Kunstmuseum Albstadt erfolgreich als Kuratorin tätig. Armin Hauer kümmert sich weiter um sein Spezialgebiet Grafik und Skulptur.

Schnell spürte Jeannette Brabenetz in Frankfurt die „Fallen“ der jahrhundertealten Rathaushalle: sehr lang und von historischem Gewicht. Und dennoch zu wenig Platz zum Bilderhängen. Wie die jetzigen Arbeiten, darunter auch Werke von Kurt Buchwald, Carlfriedrich Claus, Hans Scheuerecker, Hermann Glöckner und mehreren anderen, in ihren Vergleichsmöglichkeiten und Gegenüberstellungen präsentiert sind, kommen sie gut zur Geltung.

Aber auch etwas anderes zeigt diese Ausstellung: 29 Jahre nach der Wende sind einer jüngeren Generation die historischen Konfliktstoffe eher fremd. Kaum ein Spätgeborener versteht das kyrillische Wort „Magasin“, das ein Geschäft für sow jetische Offiziere meinte  – auch mit Einkaufsmöglichkeiten für DDR-Bürger; „Russenmagazin“ im Volksmund genannt. Auf einem Foto von Ingeborg Ullrich sieht der Betrachter ein solches „Magasin“ – nach der Wende fotografiert, verlassen und verfallen.

Vielleicht ist auch das ein Thema für die Museumspädagogik, die mit der „Plattform“, einem abgetrennten Raum der Rathaushalle, ihren Platz haben wird. Auf das helle, nachhallende Kinderlachen darf man sich jetzt schon freuen. Ein  Windfang ist geplant, der auch als Klimaschleuse wirken soll. Zudem soll es Lesungen und Foren geben. Im Februar beginnt der Schauspieler Michael Becker eine Leseserie mit den Tagebüchern von Erwin Strittmatter. Das deckt sich mit der Auffassung von Museums-Chefin Ulrike Kremeier, die ein Landesmuseum auch als Ort der Debatte und des Gedankenaustausches in konfliktreicher Zeit sieht.
Die Ausstellung läuft bis zum 15. April, Di–So 11–17 Uhr, Rathaushalle, Marktplatz 1, Frankfurt (Oder), Telefon: 0335 283 961 83.