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| 13:30 Uhr

Konzert
Grollende Rammsteine und Helene auf Sächsisch

Die vier Dresdner medlz wissen durch Charme, sexy Esprit und ausgesprochene Musikalität zu überzeugen.
Die vier Dresdner medlz wissen durch Charme, sexy Esprit und ausgesprochene Musikalität zu überzeugen. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Senftenberg. Die A-Capella-Popgruppe medlz  im Amphitheater Senftenberg. Von Renate Marschall und

„Der Mond ist aufgegangen“ – mit diesem stimmungsvollen Lied, zu dem der Dichter Matthias Claudius die Worte spendierte, schickten die medlz ihr begeistertes Publikum in eine laue Sommernacht, in der es dort und da blitzte und donnerte, nicht so in Senftenberg. Jedenfalls nicht, solange im Amphitheater von den vier Sängerinnen Nelly Palmowske, Silvana Mehnert, Joyce-Lynn Lella und Sabine Kaufmann Zugabe um Zugabe erklatscht wurde – Standing Ovations, die Mädels waren gerührt. Nachdem sie bereits im vergangenen Jahr im September eine Stippvisite hier gemacht hatten, passte in diesem Jahr auch das Wetter zum Sommertheater.

„Heimspiel“ heißt ihr neues Programm, eine Hommage an die deutsche Sprache. Oder vielmehr eine Würdigung, denn Fremdwörter waren an diesem Abend verpönt, sollten vom Publikum mit einem lauten „Mööp!“ gerügt werden. Die Zuschauer waren hellwach und mööpten Worte wie Band, Medley oder Hit gnadenlos weg. Eine Liebeserklärung an ihre Muttersprache ist dieses Programm – ganz abgesehen davon, dass es zurzeit sehr angesagt ist in Rock und Pop, deutsch zu singen. „Unsere Sprache ist so schön, man kann mit ihr sehr facettenreich (vielleicht auch verschiedenartig) Dinge ausdrücken. Sprache ist Kulturgut“, sagt Sabine Kaufmann unter großem Applaus. Und so geht es auch gleich richtig tief rein mit Friedrich Schillers „Ode an die Freude“, von Ludwig van Beethoven in seiner 9. Sinfonie vertont. Sinfonische Musik ganz ohne Instrumente, allein mit den Stimmen zum Klingen zu bringen, noch dazu so ergreifend, das war großartig. Was ausgebildete Stimmen doch für eine Atmosphäre (eigentlich hätte ich jetzt Flair geschrieben) verbreiten können! Und die Botschaft „Seid umschlungen Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!“ sei heute wichtiger denn je.

Die vier Frauen kennen sich seit ihrer Zeit im Philharmonischen Kinderchor ihrer Heimatstadt Dresden. Ihre Stimmen tragen sich gegenseitig, vereinen sich zu einem harmonischen Klangerlebnis – nicht umsonst gelten sie als beste A-Capella-Popgruppe (oder Band) Europas. Zahlreiche Preise haben sie errungen.

Selbst geschriebene Lieder wie die Liebeserklärung von Silvana Mehnert an ihren Fluss, die Elbe, von dem gerade der Trockenheit wegen nicht viel übrig ist, wechseln mit Schlagern wie „Orely“, die lernen muss, dass in Deutschland die Liebe Zeit braucht, und nachdenklichen Liedern, etwa Cluesos „Chicago“. Die Bandbreite ist groß. Man hat den Eindruck, hier  ist   vieles  zusammengetragen,  was  den Medlz selbst gefällt. Die Arrangements (Entschuldigung, aber das deutsche Wort Anordnung drückt nicht das selbe aus) sind einfallsreich und eigenwillig, vor allem, wenn es rammsteinmäßig über die Bühne grollt „Hässlich, du bist hässlich“. Die Zuschauer flippen aus und das Dach des Amphi- beziehungsweise Rundtheaters hebt sich gefühlt um mindestens zwei Meter. Wahnsinn!

Ein bisschen technische Unterstützung haben die Damen ja dann doch: Joyce erklärt, woher die Basseffekte kommen – aus einem Computer (Basseffektgerät? Klingt komisch.) Dann gibt es noch eine Trommelkiste, eleganter würde man Box sagen.

Unter die Haut gehen Lieder wie der Liebesbrief von Thomas D. „Ich fiel kopfüber unter Wasser, etwas zog mich nach unten und ich wäre wohl ertrunken, hätte ich dich nicht gefunden...“ Oder Laings scheinbar ausgelassen wilde Reise durch die Nacht, in der es innerlich Konfetti regnet, aber: „der Zorn knutscht mit der Liebe, die Sorge flirtet mit der Heiterkeit! Die Sehnsucht trinkt Schnaps mit der Traurigkeit!“ Geradezu aberwitzig wird es, als Texte und Musik vertauscht werden, etwa von Udo Jürgens und den Prinzen. Irre. Das macht Durcheinander (Chaos) im Kopf. Erst recht, als es auf Sächsisch atemlos durch die Nacht geht „Deine Oochen ziehn mich an“ oder „Du bis der Wind in meinen Flücheln“. Der eine oder andere Helene-Fischer-Anbeter fand das nicht lustig – eingefrorene Gesichter. Die anderen haben um so mehr abgefeiert. Helene war die erste Zugabe. Die zweite, ein von Sabine Kaufmann für das Musical (?) „Alfons Zitterbacke“ geschriebenes Lied, in dem seine Mutter ihn auffordert „Liebe das Kind in dir, nimm deine Seifenblasenträume mit in die Erwachsenenwelt.“ Und dann war der Mond aufgegangen – Zeit für Seifenblasenträume.