Wenn er sich in seinem neuen dokumentarischen Science-Fiction-Film "Encounters at the End of the World" mit Forschern am Südpol unterhält oder wenn er in der Dokumentation "Mein liebster Feind" beruhigend auf das jähzornige Schauspielgenie Klaus Kinski einredet - immer wirkt Herzog in seinem Element. Spannende Geschichten kann er von seinen Dreharbeiten in aller Welt erzählen. Dennoch wirkt er so, als wollte er sich schnell wieder seiner Arbeit zuwenden. "Während ich hier sitze, habe ich eigentlich fünf Filme herauszubringen", sagt er mit feinem Lächeln. Rund 60 Streifen hat der gebürtige Münchner seit Anfang der 1960er-Jahre gedreht, mehrere Opern inszeniert und rund ein Dutzend Bücher geschrieben. Heute wird der inzwischen in Los Angeles lebende Regisseur 65 Jahre alt.
"Ich habe immer ein Leben geführt mit uneingeladenen Gästen, mit Filmprojekten, die auf einmal da waren und denen ich nicht mehr durch Ausflüchte beikommen konnte", sagt Herzog. "Ich bin sicher nicht ein Besessener mit Schaum vorm Mund. Ich bin ein guter Arbeiter, ich bin ein guter Soldat." Deshalb liebt er auch keine lauten Worte, wenn er seine Filme dreht: "Bei mir am Set wird in der Regel immer ganz, ganz leise gesprochen, so wie wahrscheinlich unter Chirurgen in einem Operationssaal."
Zu Herzogs berühmten Werken zählen die Filme mit Kinski, mit dem er als Jugendlicher sogar kurze Zeit gemeinsam in einer Pension in München wohnte: "Fitzcarraldo", „Nosferatu“ oder "Aguirre, der Zorn Gottes". Leicht war es nicht, Kinski in den Griff zu bekommen, der während seiner Tobsuchtsanfälle oft seine Rolle hinschmeißen wollte. Doch Herzog konnte ihn mit leiser Stimme und unerschütterlicher Ruhe jedes Mal zum Weitermachen überreden. "Ich wusste, worauf ich mich einlasse und ich wusste auch immer, alles das, was an Skandalen und Katastrophen über ihn ins Tagesgeschehen herein kam, das würde keine Rolle spielen, weil hinterher würden wir einen Film auf der Leinwand haben, und der würde bleiben", beschreibt Herzog seine Hassliebe zu Kinski.
So penibel Herzog als Regisseur arbeitet, so großzügig geht er mit der Wahrheit um. Auch wenn viele seiner Werke dokumentarisch wirken, sind sie oft inszeniert, weil die Wirklichkeit nicht seinen filmischen Vorstellungen entsprach. Wer die Fakten überprüfen will, beschimpft er als Buchhalter. Er wolle eine Wahrheit tieferer Art finden, "etwas, was jenseits von Realität ist, jenseits vor allem von Fakten ist." Ekstatische Wahrheit nennt er das.
Überhaupt hat Herzog einen Hang zu großen Geschichten und Bildern, überwältigenden Emotionen und gewaltigen Inszenierungen, was auch in seiner Filmmusik zum Tragen kommt. Auch die Oper erschien ihm deshalb verlockend, obwohl er die Inszenierung der Wagner-Oper Lohengrin bei den Bayreuther Festspielen 1987 anfangs ablehnte. Doch Festspielleiter Wolfgang Wagner schickte ihm seine Lieblingsaufnahme des Werkes, die Herzog dann überzeugte: "Das ist so groß, an das muss ich mich heranwagen", beschreibt er seine Gefühle.
Ausprobiert hat Werner Herzog, der früher Stipetic hieß, schon viel. Er arbeitete auf den Docks von Manchester, war Rodeoreiter und schuftete im Akkord als Stahlarbeiter. Das Filmhandwerk brachte er sich selbst bei. Heute arbeitet er viel mit seinem Bruder Lucki zusammen, der Produzent in München ist.