Es geht um Lebensträume in diesem Cottbuser Bücherfrühling. Im Debütroman von Kristine Bilkau scheinen diese wie auf einer Rutsche bergab zu schlittern. Stück für Stück verliert ein Paar in der Mitte des Lebens den Glauben an Heilsversprechen von ewiger Gesundheit, ewiger Sicherheit, von ewigem Glück. Eine Generation, die auf höher, schneller, weiter programmiert ist, auf ein Leben ohne Niederlagen, wie es Uta Jacob von der Stadt- und Regionalbibliothek zum Auftakt beschreibt.

So steht gleich am Anfang im Gespräch mit Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro die Frage im Raum, die bis zum Ende fragwürdig bleibt: Warum nennt Kristine Bilkau ihre Romanhelden "Die Glücklichen"?

"Ja, sie sind glücklich, nur brauchen sie eine Weile, um das auch zu erkennen", sagt sie. Der Romantitel zeige die Ambivalenz, das Nebeneinander von gegensätzlichen Gefühlen und Gedanken, die der Begriff Glück auslöse.

Es steht infrage, als der Musikerin Isabell auf einmal die Hände beim Cellospielen zu zittern beginnen, sie sich zunehmend zerrissen zwischen Kinderbetreuung und Beruf fühlt. Zumal der Druck auf ihr lastet, auch eine perfekte Mutter sein zu wollen. Als auch ihr Mann seinen Job verliert, weil sein Verlag dichtmacht, nistet sich die Angst ein, eines Tages nicht mehr dazuzugehören in ihrem großstädtischen Wohlstandsviertel. Dort wo man im Feinkostladen nicht auf die Preise achtet, sich überteuerte schöne Dinge gönnt und sich im Bio-Café tummelt. Manch Zuhörer im Lesesaal mag den Kopf darüber schütteln, dass davon Glück abzuhängen vermag. Wobei diese Vorstellung im Laufe des Romans zunehmend bröckelt, ohne an Nervosität zu verlieren. Und so trifft Kristine Bilkau bemerkenswert genau das Lebensgefühl einer Generation, was nicht nur in vielen Kritiken hochgelobt wird, sondern auch in den Nachbarländern Begehrlichkeiten nach dem Roman weckt, wie Hendrik Röder weiß. Auch viele Leser spüren ihre Gefühle oder die ihrer erwachsenen Kinder frappierend echt widergespiegelt. Und auch hier in Cottbus hören sie Bilkaus Lesung genau zu.

Mit Akribie beschreibt die Autorin das "Ende der Behaglichkeit" wie die "Zeit" es benannte. So trefflich, dass es zu einer Bestandsaufnahme, zur Psychognomie einer ängstlichen Generation gerät. "Meine Figuren sind nicht perfekt, nicht immer souverän, mal sind sie schwach oder egozentrisch, verpassen den Moment, die Wahrheit zu sagen. Ihr Selbstmitleid ist oft schwer zu ertragen", analysiert die Autorin die überhöhten Ansprüche und Fassaden, hinter der das Glück vermutet wird, das Gefühl von Vorläufigkeit und ständiger Angst. "Was macht man dagegen?" wurde sie von einem jungen Vater, der sich ähnlich fühlte, gefragt. Ihr Roman aber ist kein Ratgeber.

Hendrik Röder erinnert die Frage an Michael Winterhoffs Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden". Es war heiß begehrt, weil Eltern darin dringend Antworten suchten, meist vergeblich. Man legte Winterhoff nahe, ein zweites Buch zu schreiben: "Wie unsere Kinder keine Tyrannen werden". Vielleicht sollte ja auch Kristine Bilkau ein neues Buch schreiben mit dem Titel "Die Unglücklichen"?

Die nächste Lausitzer Lesart findet am 21. April im Schloss Lübbenau statt. Der Schauspieler Ulrich Noethen liest aus der preisgekrönten Neuübersetzung von Tolstois "Anna Karenina". Tickets unter Tel.: 03542/8730