Manche sind arg mitgenommen. Nicht so die "Abrogans-Handschrift", eine der vielen Schätze in der Ausstellung "Die Sprache Deutsch" im Deutschen Historischen Museum (DHM). Das unscheinbare Bändchen wurde vor nicht ganz 1220 Jahren von Klostermönchen, vermutlich im Elsass, als Synonymwörterbuch verfasst und gilt als das älteste Buch in Deutsch. Latein war in jener Zeit die Schriftsprache Europas. Zeugnisse, die auf das germanische Wort "Diut-isk" (zum Volk gehörig) zurückgehen, waren selten. Insgesamt enthält die über 300 Seiten umfassende Handschrift, eine Leihgabe der Stiftsbibliothek St. Gallen, 3239 althochdeutsche Wörter. Am Beginn steht "abrogans" (sich aufhebend), daneben das Althochdeutsche "dheomodi" (demütig). Eine Rarität ist die Handschrift des "Frankfurter Kapitulars" aus der Nationalbibliothek Paris, in der Karl der Große (747-814) mahnt, die Liturgie nicht allein an das Lateinische zu binden. Damit öffnete er den Weg für die Übersetzung wichtiger Texte des christlichen Glaubens wie das Taufgelöbnis, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser. Mit solch spektakulären Exponaten ist der Parcours durch die Sprachgeschichte des Deutschen gespickt. Die beliebig variierbare multimediale "Deutschstunde" bietet Originale aller Epochen. Sichtbar wird Gutenbergs epochale Erfindung des Buchdrucks ebenso wie Luthers deutsche Bibelübersetzung, oder "Dichtkunst und Sprachkunst" mit all ihren Ausdrucksformen bis hin zu "Deutsch in Europa und in der Welt". Ein anderer Abschnitt hat die "gespaltene Zunge" im geteilten Deutschland zum Inhalt. Nicht befriedigen kann allerdings der zu kurz abgehandelte Teil über die viel nachhaltigere Sprachbeeinflussung des NS-Regimes. Inhaltlich ergänzend zu der historisch angelegten Berliner Schau werden im Bonner Haus der Geschichte Phänomene der deutschen Gegenwartssprache unter dem Titel "Man spricht Deutsch" präsentiert. An dem Gesamtprojekt ist auch das Goethe-Institut beteiligt, das weltweit 250 Schulen unterhält und schon 2009 diese Zahl verdoppeln will. Beide Präsentationen gehen von der Prämisse aus, dass Deutsch in der EU die am meisten gesprochene Sprache Europas ist und weltweit mindestens 100 Millionen Sprecher hat. Ein Bedeutungsriese, aber auch ein Geltungszwerg, kommentiert DHM-Generaldirektor Hans Ottomeyer. Für ihn ist das Deutsche mit 300 000 Worten eine der reichsten Sprachen der Welt, ein "Eldorado der Wortlust". Jährlich kämen 1000 Worte hinzu. Die Magdeburger Teenie-Band "Tokio-Hotel" machte es möglich, dass allein in Israel und Frankreich Deutschkurs-Anmeldungen in die Höhe schnellten, verkündete Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts. Bevor der Besucher die Jahrhundertreise antritt, wird er in einer tunnelartigen Eingangsschleuse durch babylonisches Sprachgewirr akustisch auf das vorbereitet, was ihn auf 400 Quadratmetern Ausstellungsfläche erwartet. Um allerdings die rund 250 Schrift-, Bild-, Technik- und Tonzeugnisse voll zu nutzen, müsste er 3000 Stunden einplanen. Das schafft natürlich niemand. Ein guter Begleiter könnte der vorzügliche Katalog sein. Zur Auflockerung tragen Kuriosa wie die Schreibschatulle mit Necessaire als Geschenk des verliebten 72-jährigen Goethe an die 55 Jahre jüngere Ulrike von Levetzow bei oder Devotionalien wie Zeilenzähler und Leselupe der genialen Erika Fuchs (1906-2005), die Klassikerzitate in ihre Donald-Duck-Comic-Übersetzungen schmuggelte. Deutsches Historisches Museum, "Die Sprache Deutsch", Pei-Bau, Hinter dem Zeughaus, Berlin-Mitte, bis 3. Mai tägl. 10-18 Uhr geöffnet, Katalog 25 Euro, Telefon 030-20304-0.