Die Banker sind ausgelassen. Mit Champagnergläsern in der Hand und bunten Hütchen auf dem Kopf drängen sie als Selbstdarsteller in einer Art Doku-Fiction an die Rampe. Sie erzählen erfolgstrunken zynische und selbstironische Witze in ihre Mikrofone, filmen sich und einander, und amüsieren sich über Geschäfte mit Lebensversicherungen, bei denen auf den Tod der kranken Versicherten gewettet wird, auch wenn die mal schiefgehen und die Menschen einfach nicht so schnell sterben. Für sein Stück "Himbeerreich" (so nannte das RAF-Mitglied Gudrun Ensslin das erhoffte Paradies auf Erden) hat der Dokumentarfilmer Andres Veiel rund 25 führende Banker großer Finanzinstitute interviewt. Daraus entstand eine Textmontage für sechs Investmentbanker und einen Chefchauffeur.

Bei der Uraufführung im Januar 2012 in Stuttgart (als Koproduktion mit dem Deutschen Theater) wurde daraus ein völlig ernsthaftes und schrecklich trockenes Erklärtheater. In Cottbus springen sie fröhlich herum und drängeln sich zu ihren Verlautbarungen auf Mathias Rümmlers offener Bühnenschräge, die wie ein von unten erleuchtetes Schachbrett wirkt und anzeigt, wohin es mit den Bankern und dem Geld geht.

Regisseur Mario Holetzeck und seine animierten Darsteller zeigen die Banker als kaspernd selbstbesoffene, aufgedreht muntere Figuren. Das ist durchaus unterhaltsam. Aber wirklich komisch sind diese Knallchargen nicht, nur schrecklich unsympathisch. Von Anbeginn an ist klar: Böse sind sie, diese gewissenlosen Typen. Doch was sie uns über Finanztransaktionen erzählen, weiß man entweder oder man versteht es nicht so recht. Wenn erzählt wird, wie Milliarden im "normalen" Derivate-Geschäft verspielt und verbrannt wurden, für die dann der Staat einsprang, dann geht das Saallicht an.

Und ein Darsteller gibt die Frage "Warum wird denn da keiner wütend?", die sich bei Veiel die Banker stellen, als "Warum wird hier denn keiner wütend", direkt ins Publikum. Worauf keine Reaktion erfolgt, schließlich haben auch die Erklärungen des Stückes dem Publikum nicht allzu viel aus seiner Handlungsunfähigkeit geholfen.

Immerhin gelingt es den starken Schauspielern (Kai Börner, Amadeus Gollner, Jochen Paletschek, Michael Becker und, an der Spitze, Ariadne Pabst), dem Stück seine erstickende Nüchternheit zu nehmen, mit der die Uraufführung das Publikum einschläferte. Am Schluss sind diese Banker kaltgestellt und wegen eines scheiternden Geschäfts Opfer ihrer selbst geworden. Denn nicht die Banker sind böse, sondern das System. Weil die Märkte und ihre Profiteure nicht mehr mit echten Gegenwerten zu tun haben, und weil die Politiker einfach mitspielen. Und so fühlt sich der Zuschauer schließlich mal wieder so wütend wie hilflos.

Nach der Pause führt uns der Autor Mario Salazar mit "Alles Gold was glänzt" in die Welt des Prekariats. Weder Geld noch Arbeit hat Familie Neumann. Ihre Welt ist nicht die Realität, sondern das Fernsehen, das bunte Illusionen liefert. Familienvater Walter (wunderbar verdruckst als unterdrückter Ehemann: Thomas Harms) bastelt schon seit einem Jahr zuhause an seinem Straßenbahnwaggon-Puzzle, ohne dass jemand gemerkt hat, dass er seinen Straßenbahnfahrer-Job verloren hat.

Denn man schaut sich im Fernsehen die titelgebende Serie an. In ihr kämpfen die Kandidaten um einen Arbeitsplatz gegen einen Löwen. Ein von Occupy-Aktivisten begonnener Aufstand tobt draußen vor den Fenstern, doch die Neumanns kennen dessen Bilder nur aus dem Fernsehen. Als Störung, schließlich wollen sie nur "Alles Gold was glänzt" sehen.

Hier ist eine Familie aus der Realität geflüchtet und zugleich in einer "Sit-Com" Darsteller seiner selbst geworden. Auf der Bühne, deren Schachbrett-Muster sich zu Fenstern eines Plattenbaus geöffnet haben, erlebt man ein Spiel mit urkomisch kabarettistischen Typen.

Das Spiel: ein Pointengewitter. Die Figuren: Wie aus der Unwirklichkeit der Realität genommen. Die Inszenierung: ein Spaß. Die Schauspieler: wunderbar. Sigrun Fischer ist eine tolle Familiendomina: Jeder Satz, jede Bewegung wirkt wie ein Befehl, und selbst ihr ständiges Nagelfeilen scheint eine jede Realität verdrängende Herrschaftsgeste.

Michael Becker sitzt störrisch als ehemaliger Oberst in NVA-Uniform herum und beschwört mit seiner brustbeschwerenden Ordenssammlung alte Befehlshaltungen.

Lucie Thiede gibt lebhaft eine Tochter, die sich ihrer Gefühle zu Ahmed (Rahul Chakraborty) nicht klar wird, und der Sohn Robin (Michael Bennigsen) lebt in seiner ganz eigenen Gameboy-Welt und folgt einem lebendigen Darth Vader nach Amerika. Schließlich verliert die Familie ihre Wohnung. Kein Verkauf familiärer Habseligkeiten und kein Versuch, die Tochter in einen Sexjob zu drängen, helfen. Nur der Nachbar (schön mild schwärmerisch: Oliver Breite), der sich mit Karl May in eine Indianerwelt gerettet hat, spendet der Familie mit seinem Tipi etwas Hilfe.

Zwei Stücke über Menschen, deren Leben von Verdrängungsleistungen bestimmt ist. Was auf unterschiedliche Weise zum sozialen Abstieg führt.

Was der Zuschauer daraus lernt, muss er selber entscheiden. Komisch, wie gut man vom Elend anderer unterhalten wird.