Der Journalist Stanislaw Belkowski kennt den Politzirkus in Russland, hat Putin jahrelang immer wieder erlebt und auch Einblicke hinter die Kulissen erhalten. Und so erfährt man im Buch Dinge, die neu sind oder nachdenklich machen. Der Autor will "hartnäckige Mythen über Wladimir Putin widerlegen, und ihn zeigen, wie er ist". So bezeichnet er den Kreml-Herrscher als "wahren und getreuen Nachfolger Boris Jelzins", der dessen "strategischen Kurs" an "seine logische Grenze geführt" hat. Putin sei ein "Geschäftsmann und Freund des Business". "Alle seine Entscheidungen und Handlungen sind ausschließlich der Logik großer Geschäfte unterworfen." Kein Wunder also, dass die "Oligarchen der Jelzin-Zeit unter Putin noch stärker und reicher" wurden und er selbst inzwischen ein beachtliches Vermögen angehäuft haben soll. Das erklärt auch, warum er gerade Gerhard Schröder und Silvio Berlusconi zu seinen guten Freunden zählt.

Belkowski sieht in Putin einen "Kleinbürger", der weder Diktator, noch Macho oder Imperialist sei, sondern Idealist, von dem "alles Mögliche zu erwarten ist, nur keine radikalen Reformen". Und er glaubt, dass Russland nach der Ära Putin ein anderes Land sein wird und prognostiziert einen "europäischen Nationalstaat". Ob diese Vorhersage eintrifft, wird die Geschichte zeigen. Aktuell kann man das kaum glauben.

Im Buch werden die Kindheit und die Geheimnisse um seine Geburt (die ihn tief geprägt und stets beeinflusst haben sollen) genauso beleuchtet wie seine Suche nach einer Vaterfigur, seine Beziehungen zu Anatoli Sobtschak, dem Jelzin-Clan (der im Hintergrund noch immer die Strippen im Land ziehen soll), zu Roman Abramowitsch und Michail Chodorkowski. Zum Teil werfen gerade diese Kapitel ein neues, anderes Licht auf den ehemaligen KGB-Mann. Aber auch seine Ehe und seine immer wieder zur Schau gestellte Männlichkeit als Angler, Taucher oder Pilot werden beleuchtet und in Zusammenhang mit seinem politischen Wirken gestellt.

Der Tschetschenien-Krieg und der Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja finden ebenso Eingang wie andere "unbegangene Verbrechen und tatsächliche Vergehen", denen sogar ein ganzes Kapitel gewidmet ist. Dabei stellt Belkowski zum Beispiel klar, dass "Putin nicht einen der tschetschenischen Kriege begonnen hat", sondern "beide Kriege dem politischen Willen von Boris Jelzin" entsprachen.

So ist das Buch mehr als eine reine Biografie, es lässt Zusammenhänge erkennen und gibt Einblicke in das russische Geflecht aus Wirtschaft, Politik und Machtstreben.

Ob man Wladimir Putin nach dem Lesen des Buches wirklich kennt - bei mir bleiben Zweifel. Trotzdem ist es spannend zu lesen, und man beginnt, einige Ereignisse zu hinterfragen und differenzierter zu sehen.

Stanislaw Belkowski: Wladimir. Die ganze Wahrheit über Putin, Redline-Verlag, 19,99 Euro, 364 Seiten.