Als Zuhörer im Kulturzentrum "Gleis 3" fühlt man sich ein wenig wie ein Mitglied der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse, die sich in Berlin, Erfurt, München und Dresden durch Tausende Dokumente wühlen, um die skandalösen Fehler von Polizei, Verfassungsschutz und anderen Behörden bei der Verfolgung der NSU-Morde aufzuarbeiten. Andrea Röpke, die als renommierte Sachverständige in diesen Gremien gehört wurde, erforscht als freie Journalistin seit 1994 die rechtsextremistische Szene. Mit Auszügen aus ihrem aktuellen Buch "Blut und Ehre" sowie mit an die Wand projizierten Fotos und Thesen schildert sie zwei Stunden lang gründlich und nüchtern die Verbrechen, die dem aus Jena stammenden Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe sowie einer unbekannten Zahl von Unterstützern zur Last gelegt werden.

Dazu listet sie zahllose Ermittlungspannen auf: "Unkoordinierte Untersuchungen, fehlende Haftbefehle, mangelhaften Informationsaustausch zwischen Ämtern, unstrukturierte Aktenführung, unzureichende Ermittlungen und unterlassene Faktenanalysen. Eine solche Mischung aus Inkompetenz und Konkurrenz insbesondere zwischen dem Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz und dem Thüringer Landeskriminalamt schien vorher unvorstellbar."

Schon bei einer Razzia im Jahr 1998 in einer Jenaer Garage von Beate Zschäpe, die sich als Bombenwerkstatt entpuppte, fiel den Fahndern eine Namensliste von bundesweiten Kontaktpersonen des NSU in die Hände. Sie verstaubte jedoch unbeachtet in einer Asservatenkammer des Landeskriminalamtes. Obwohl "danach unzählige Spitzel vom Bundesamt für Verfassungsschutz, diverser Landesämter für Verfassungsschutz, des Militärischen Abschirmdienstes und der Polizeibehörden den Weg des flüchtigen Trios säumten, konkrete Helfernamen und Treffpunkte bekannt waren, abgehörte Telefongespräche und Fotos vorlagen", wurden die drei bis 2011 nicht gefasst. Neben vielen weiteren Rätseln sei bis heute ungeklärt, warum sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im November 2011 in ihrem Wohnmobil erschossen. Beim NSU-Prozess in München steht als Hauptangeklagte Beate Zschäpe vor Gericht.

Unterschätzt bis übersehen

Andrea Röpke schildert diese Zusammenhänge derart akribisch, dass man als Zuhörer den Überblick zu verlieren droht. Ihre Hauptthese stellt der gehaltvolle Vortrag jedoch beklemmend eindrucksvoll unter Beweis: Der rechtsextremistische Terror wurde in Deutschland stark unterschätzt bis vollkommen übersehen, obwohl ihm seit 1989 mehr als 180 Menschen zum Opfer fielen. Schlimmer noch: Die Soko "Bosporus", die die rassistischen NSU-Morde an türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern untersuchte, verfolgte jahrelang mit gigantischem Aufwand falsche Fährten, weil sie offenbar selbst in negativen Stereotypen über die Opfer befangen war. Anstatt einen rechtsextremistischen Hintergrund der Taten zu beleuchten, ging man stur von Milieutaten im organisierten Verbrechen aus. "Die Familien der Opfer wurden kriminalisiert", resümiert Andrea Röpke.

Kritisch geht die Journalistin auch mit dem System der V-Männer des Verfassungsschutzes aus der Neonazi-Szene ins Gericht. Diese unglaubwürdigen Informanten spielten ihr zufolge meist ein doppeltes Spiel und steckten zudem ihre hohen staatlichen Honorare in den weiteren Aufbau neonazistischer Strukturen. In der abschließenden Diskussion spitzt Rundschau-Chefredakteur Johannes M. Fischer diese Argumente der Autorin in der Frage zu, ob das V-Mann-System nicht insgesamt überflüssig oder sogar schädlich sei.

Zur Unterschätzung des Rechtsterrorismus zählt für Andrea Röpke auch das oft verbreitete Bild von Neonazis als tumben Gestalten. Etliche Täter, wie die Akademikersöhne Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, seien in ihrer Ideologie zwar "fanatisch bis geisteskrank, aber gut geschult und gut vernetzt".

"Ein Stück Freiheit"

Wie eine hartgesottene Abenteurerin oder von Aufklärungswut Getriebene wirkt die 1965 geborene Journalistin und Diplom-Politologin bei ihrem Auftritt in Lübbenau nicht. Unauffällig, normal eben. Auf die mehrfach gestellte Frage "Warum tun Sie sich das an?" antwortet Andrea Röpke zurückhaltend. Körperliche Angriffe und Unappetitlichkeiten, denen sie sich bei ihren verdeckten oder offenen Recherchen unter Neonazis aussetzte, beschreibt sie nur sehr dezent. Ihre Motivation begründete sie recht pragmatisch: Rechtsextremismus sei für viele Presseredaktionen ein eher gemiedenes "Schmuddelthema", insofern eine Marktlücke für freie Autoren. Und: "Bücherschreiben ist ein Stück Freiheit."

Beachtlicher Mut und demokratisches Verantwortungsbewusstsein blitzen in ihren Antworten ebenfalls auf: "Man kann nicht von anderen Zivilcourage erwarten, wenn man selbst nichts unternimmt. Wenn ich andere engagierte Menschen treffe, macht mir die Arbeit auch Spaß."

Bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus ist die dringend verbesserungsbedürftige Verfolgung von Straftaten nur die eine Seite, präventive Bildung gegen die Verführbarkeit durch menschenverachtendes Gedankengut die andere. Hier sind in Lübbenau ermutigende Erfahrungen zu hören. Beim Projekt "Schüler seid wachsam" an der Traugott-Hirschberger-Grundschule informieren sich Kinder zwei Jahre lang mit ihren Eltern über gegenwärtigen Neonazismus, über nationalsozialistische und jüdische Geschichte. Am Ende steht eine gemeinsame Exkursion zur Gedenkstätte des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Die Initiative wurde bereits mit dem Preis "Aktiv für Demokratie und Toleranz" ausgezeichnet.