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| 17:39 Uhr

Satirefestival
Faust ist voller Datendrang

 Christine Zeides begeisterte bei der Festival-Eröffnung mit ihrem sehr gegenwärtigen und im Sinne des Wortes handfesten „Faust“-Programm.
Christine Zeides begeisterte bei der Festival-Eröffnung mit ihrem sehr gegenwärtigen und im Sinne des Wortes handfesten „Faust“-Programm. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Lachen erwünscht, Schenkelklopferei eher nicht: Der Ton ist ernster geworden beim Satirefestival. Von Peter Blochwitz

Die Zeiten sind rauer geworden, der Ton durchaus ernster, das zeigte auch die Eröffnungs-Gala des 24. Studentischen Satirefestivals am Donnerstag im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus: „Feiern Sie das 24. Festival so, als wäre es schon das 25.“, forderte Moderator Thomas Paul Schepansky das Publikum auf.„Wer weiß, ob wir nach den diesjährigen Brandenburger Landtagswahlen im kommenden Jahr überhaupt noch auf der Bühne stehen dürfen.“ Wenn die AfD jetzt schon dazu auffordere, Lehrer zu bespitzeln, dürften bald auch Kabarettisten auf dem Zettel stehen ...

Man hat in der Tat schon Festival-Eröffnungen gesehen, die von leichterer Art waren. Lachen erwünscht, selbstverständlich, aber nicht eben Schenkelklopferei. „Die Wahrheit lautet“, erklärte der Essener Mattias Engling am Ende seines Monologs, in dem er unter anderem über „rituelle Alten-Tötung“ sinnierte. „Die Wahrheit lautet: Punkt.“

Ein paar Denkaufgaben gaben die Kabarettisten den Zuschauern auf, auch Christine Zeides aus Berlin, die beim Festival schon 2014 als Teilnehmerin des Kabarettkurses der Deutschen SchülerAkademie und im vergangenen Jahr beim Science Slam reüssierte. Mit ihrem im Sinne des Wortes handfesten und sehr gegenwärtigen „Faust“-Programm („Faust ist voller Datendrang“) ist die junge Frau sofort zum Publikumsliebling aufgestiegen. Wunderbar, dass die Kunstform Kabarett allen Unkenrufen zum Trotz vielleicht doch noch nicht ganz so verstaubt ist.

Genau: „Wir werden das Gegenteil beweisen“, hatte Monique Möbus-Zweig, Geschäftsführerin des veranstaltenden Studentenwerks Frankfurt (Oder) zur Festival-Eröffnung postuliert. Die Teilnehmer sind so jung wie selten, und die Zahl der Bewerber war überraschend groß gewesen, sodass mit 36 Gruppen und Solisten (2018 waren es 26) eine Rekordzahl an Mitwirkenden zu Buche steht.

Zu denen gehört auch die 2018 gegründete Klavierkabarett-Formation Bermuda Zweieck (Erfurt/Weimar), bestehend aus Daniel Gracz und Fabian Hagedorn. Die Gruppe ist einer der zwölf Festival-Neulinge, jedenfalls zur Hälfte: Hagedorn ist mit dem Duo Klavierreim schon in Cottbus gewesen. Das erste Programm von Bermuda Zweieck erlebt im Februar seine Premiere, am Donnerstag gab’s im Staatstheater Kostproben vom „Stoischen Pit“ über „Zwielichtige Zweizeiler“ zur sehr belachten „Leidenschaft mit 80“.

Da war auch die Zweieck-Zeile „Mein Rassismus ist nicht böse gemeint“ zu hören, an die der Berliner Liedermacher und Musikkabarettist Lennart Schilgen anknüpfte: „Ich hab’ ja nichts getan, es geschieht von ganz allein ... Ich will keinem etwas Böses, ich lass’ es nur geschehn.“ Der „Engelszungenbrecher“ Schilgen, kein Unbekannter beim Festival, ist mit seinen hintergründigen, teils schwarzhumorigen Liedern in Cottbus immer gern gesehen.

Das gilt erst recht für ROhrSTOCK, 1971 gegründet und damit das älteste Studentenkabarett Deutschlands. Es stand am Freitag auf der Bühne und hat damit an allen 24 Festivals teilgenommen. Auf die Hälfte an Teilnahmen kommt der Magdeburger Prolästerrat, den es seit 1973 gibt, der damit zweitälteste deutsche studentische Kabarett-Gruppe ist und sich heute Abend im Cottbuser Konservatorium präsentiert. Wie auch Julia Steinweg und Oliver Eichelhard (beide Münster) sowie das OE Medizinerkabarett aus Berlin. Das wiederum für einen weiteren Festival-Rekord sorgt: Es werden 25 Akteure auf der Bühne erwartet!

In der Cottbuser Mensa der Brandenburgischen Technischen Universität findet heute ab 20 Uhr ein Halbfinale der Berlin-Brandenburger Poetry-Slam-Masters statt. An gleicher Stelle will das Festival schon ab 15 Uhr das Special „Antrag auf Flucht. Das Mittelmeer überlebt, in der deutschen Bürokratie ertrunken“ erneut nachweisen, dass Brisanz und Humor sich nicht ausschließen.