Ein schwarzer Raum, nur wenige Scheinwerfer liefern quasi eine Notbeleuchtung. Das kollektive Hörspielhören darf geübt werden. Es prasseln Geräusche, Stimmen, atmosphärische Störungen bis zur Schmerzgrenze aufs Ohr. Autor und Regisseur Kai-Uwe Kohlschmidt hatte sich für das Experiment entschieden, ohne Studio, ohne Sprecherkabine auf einer Segeljacht auf der Ostsee Cottbuser Zeitgeschichte zu erzählen.

Der fiktive Text basiert auf der Stasi-Akte von Hans Scheuerecker - expressiv in seiner Malerei wie im Leben. Kohlschmidt ist schon zu DDR-Zeiten Freund, Gefährte, Zechkumpan und aufmüpfiger Punk der Gruppe "Sandow". Er ist Ende der 1980er-Jahre beim Action-Painting dabei - und kann dann vor fünf Jahren die Unterlagen lesen. "Es war die Sprache in den Akten. Der Sound aus Einfalt, Dummheit und armseliger Missgunst ließ einen nach Luft schnappen", erklärt er. Daraus entwickelte er die Auseinandersetzungen des Malers Max Scharnegger mit den Systemen. Der lässt sich 25 Jahre nach dem Fall der Mauer von seinem Mäzen zum Segeltörn einladen. Drei Freundinnen, der Skipper und die Stasi-Akten fahren mit. Erst auf einer Insel lässt es der Autor zu einer schicksalhaften Begegnung mit dem todkranken Mäzen kommen. Es ist wieder ein Duell zwischen Macht und Boheme. Die Zeiten haben sich gewandelt und die Menschen? "Der Markt ist schlauer als der Funktionär", sagt Hannes L., der Stasi-Offizier und Mäzen. Sollte sein Tod eine Lösung sein?

Kohlschmidt bleibt mit seiner Fiktion stark an den Personen und an den Cottbuser Realitäten. Wer damals dabei war, weiß, dass sich hinter "FVK" das Forum K, der Jugendklub im Konsument-Warenhaus, verbirgt. Und er weiß, dass Scheuerecker damals ein Programm mit Bellman-Texten vortrug. So gibt es zwei Episteln, die Kohlschmidt in seine Kompositionen einbettet. "Vater Berg macht große Töne" und "Ich bin da und ich will leben". Der eine oder andere im Publikum ist noch immer textsicher und singt bei der Premiere mit.

Nach reichlich einer Stunde geht das Licht wieder an und das Publikum atmet durch. Es ist keine leichte Kost. Da sind auch unschlüssige Gesichter zu sehen. Vielleicht löst der folgende Dokumentarfilm von Tom Franke die Fragen? So ist zu erfahren, dass auf der Fahrt durchaus nicht alles nach Drehbuch lief. Kai Börner, Schauspieler am Cottbuser Theater, fühlte sich der Rolle des Mäzens Hannes L. unerwartet nahe. "Ich hatte die Tage zuvor viel Stress, war seekrank und erlitt einen Schwächeanfall", erzählt er im Anschluss. In der Stadt von Kommissar Wallander, in Ystad, kümmerten sich die Ärzte schnell um ihn und er konnte die Arbeit fortsetzen. Wie auch die anderen Sprecher und Produktionsmitglieder kennt er Kohlschmidt schon über Jahre. "Wir haben uns 1986 an der Ostsee kennengelernt. Unsere Wege kreuzen sich immer wieder mal", sagt er.

Eine interessante Erfahrung war der Segeltörn mit der Künstler-Crew für Skipper Thomas Kney, der als einziger wirklich das Handwerk versteht. "Bei der Fahrt waren sie alle gefordert. Mitmachen ist beim Segeln gefragt", sagt er. Davon hätte im Making of zugunsten langer, monologischer Einstellungen gern mehr erzählt werden können.

Am Ende kommen dann alle Akteure auf die Bühne - in einer Performance der Künstler Wolfgang Wagner, Kai Börner, Momo Kohlschmidt, Katharina Groth, Arta Adler, Dietmar Arnold und Kai-Uwe Kohlschmidt. Und auch Hans Scheuerecker ist dabei: in Texten sowie mit einem Bild, das er für diese Aufführung geschaffen habe, wie Kohlschmidt mitteilt. Es ist gleich nach der Aufführung ins nur wenige Meter entfernte Atelier zurückgebracht worden. "Scheuerecker macht nichts mehr im öffentlichen Raum in Cottbus", erklärt Kohlschmidt die Abwesenheit des Malers bei der Premiere. "Er war bei der Probe und fand es gut." Durch das Bild ist Scheuerecker kurz an den Ausgangspunkt seiner beruflichen Tätigkeit in Cottbus zurückgekehrt. Anfang der 1970er-Jahre arbeitete er im Malsaal des Theaters.

Was bleibt von diesem Abend? Es war eine einmalige Gelegenheit, Hörspiel und Dokumentarfilm in Verbindung mit einer Performance zu erleben. Neben der Malerei von Hans Scheuerecker zeigte Peter Adler im Foyer seine Gemälde zum Ostsee-Trip. Die Beschäftigung mit den Stasi-Akten ist, trotz der Brisanz aktueller Themen, inzwischen ein Anliegen der Söhne-Generation geworden. Die Frage, was politische Systeme mit Menschen machen, bleibt und ist universell. Und es ist Zeit, wieder einmal die Platte von Manfred Krug aufzulegen mit Carl Michael Bellmans "Fredmans Episteln an diese und jene aber hauptsächlich an Ulla Winblad".

Zum Thema:
Die Autorenproduktion "Den Himmel malen" umfasst eine Audio-CD mit dem Hörspiel, eine DVD Making of und ein informatives, 20-seitiges Booklet. Es gibt eine Sonderedition mit einem limitierten Siebdruck von Hans Scheuerecker. Weitere Infos unter www.kaiuwekohlschmidt.de .