Geburtstag mit vier Ausstellungen. Nach Weißwasser, Niesky und Senftenberg setzt das Heidemuseum in Spremberg nun den Schlusspunkt dieser künstlerischen Würdigung.

Von Felix Johannes Enzian

Spremberg. "... man muss Spuren hinterlassen und nicht bloß Staub", nennt Horst Jurtz seine Abschlusspräsentation zum runden Geburtstag. Genau das hat er in der Lausitz mit seinem Schaffen ausgiebig getan. Mehr als fünfzig Jahre lang ist er nun als Maler und Grafiker tätig.

"Volkskünstler" hieß in der DDR die offizielle Bezeichnung für Autodidakten wie ihn, die nicht an den staatlichen Kunsthochschulen ausgebildet wurden, sondern einem anderen Hauptberuf nachgingen und dort in betrieblichen Kunstzirkeln kreativ wurden. Nur wenige hielten an dieser Nebenbeschäftigung so beharrlich fest wie Horst Jurtz und machten daraus sogar ihren eigentlichen Lebensinhalt. Ein Volkskünstler ist er aber auch wegen seiner allgemein verständlichen, sozial engagierten, kraftvollen Bildsprache.

Das eindrucksvollste Werk dieser Ausstellung ist den vielen Bootsflüchtlingen aus Afrika gewidmet, die auf der Überfahrt zur italienischen Insel Lampedusa zu Tode kommen. Drei zusammengehörige Bilder erzählen eine Geschichte in düsterem Schwarz-Weiß. Die Kunst sprengt das klassische Viereck wie der dargestellte Schrecken die Vorstellungskraft. Das größte Einzelbild (wiederum aus drei Vierecken zusammengesetzt) erinnert an mittelalterliche Höllen-Darstellungen und zeigt in Nahsicht verzweifelte Menschen, die sich auf ein hoffnungslos überfülltes Boot drängen. Es droht bereits zu kentern. Das zweite Bild hat die Form eines christlichen Kreuzes. Brennende Grablichter schwimmen auf dem Meer. Wie auf einer Collage geht das Wasser über in einen Zeitungsausschnitt mit der Schlagzeile "Auf der Toteninsel" und dann in eine Landschaft, die dem berühmten Toteninsel-Motiv von Arnold Böcklin nachempfunden ist. Auf dem dritten Bild wird ein Sarg per Kran an Land gehoben. Die Ätzradierung "Der Schrei (Lampedusa)" gehört zu den jüngsten Werken von Horst Jurtz und wurde erst in diesem Jahr vollendet. Die Ausstellung enthält vor allem neuere Arbeiten und demonstriert damit seine ungebrochene Produktivität. Die Exponate reichen aber zurück bis in die 1950er-Jahre. Etliche darunter sind Selbstporträts, skeptische, manchmal auch humorvolle Selbstbefragungen des Künstlers.

Dass der Autodidakt fein nuancierte Techniken beherrscht, zeigt sich vor allem in seiner Grafik, bei Landschaften und Gebäudeansichten in kleinem Format. Der Pinselstrich seiner Ölmalerei ist dagegen eher grob. Hier liegt die Stärke vor allem in der Komposition, in den überraschenden, das klassische Format sprengenden Perspektiven, die so etwas wie sein Markenzeichen geworden sind.

Sie haben ihren Ursprung wohl auch in der speziellen Arbeitssituation des Volkskünstlers, der von 1977 bis 1991 das Kreiskabinett für Kulturarbeit in Weißwasser leitete. Seine Bilder entstanden nebenbei in der engen Gartenlaube. Weil Horst Jurtz mit seinen Farben auf weite Flächen drängte, war er quasi gezwungen, die großen Werke aus mehreren kleineren Leinwänden zusammenzusetzen.

Typische Jurtz-Motive sind das Straßentheater und die Commedia dell´arte mit ihren Masken und Harlekinen. Auch Lausitzer Szenen, etwa der "Chor Niederseifersdorf" (2011), nehmen die Züge eines absurden Welttheaters an, gemalt aus einem bewusst kindlich-naiven und Blickwinkel. Das Komödiantische hat allerdings oft eine unheilvolle Seite. Während die "Vereitelte Untreue" (2004) einen glimpflichen Ausgang zu nehmen scheint, erinnert der Menschenaufzug auf "Straßentheater" (1998) an Szenen des Straßenterrors in der NS-Diktatur.

Der liebevolle und kritisch-mahnende Blick auf die Heimat und den größeren Weltzusammenhang zeichnen den Künstler Horst Jurtz aus. fxe1

Die Ausstellung "... man muss Spuren hinterlassen und nicht bloß Staub" ist bis zum 16. November im Niederlausitzer Heidemuseum im Schloss Spremberg zu sehen.