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| 01:38 Uhr

Der schnellste Galerist

Der Ruhestand wird wohl eine Unruhestand sein: Rudolf Renner. Foto: Rasche
Der Ruhestand wird wohl eine Unruhestand sein: Rudolf Renner. Foto: Rasche FOTO: Rasche
Die Schuhe sind groß, die er seiner Nachfolgerin Anne Schmitt hinterlässt. 38 Jahre lang hat Rudolf Renner aus Senftenberg in Schwarzheide Spuren der Kultur gelegt. Von Jürgen Weser

Seit 1971 als Mitarbeiter in der Abteilung Kultur im Synthesewerk Schwarzheide und ab 1990 nahtlos weiter in der BASF Schwarzheide als Referent für kulturelle Veranstaltungen und soziale Betreuung. Ende des Jahres wurde er vor 400 Besuchern der Eröffnung zur Ikonen-Ausstellung in der BASF-Galerie feierlich in den Ruhestand verabschiedet. Dabei ist von Lust auf Ruhestand beim 62-Jährigen nichts zu spüren. Als er während der Vernissage immer wieder Hände schütteln und Glückwünsche entgegennehmen durfte, war oft von neuen Ideen und Projekten zu hören, die in Rudolf Renners Kopf herumschwirren. Und der Beobachter bekam bei der letzten von Renner verantworteten Ausstellung in der BASF eine Ahnung davon, worin die erfolgreiche Arbeit des sympathischen Streiters in Sachen Kultur begründet ist. Kein Glückwunsch ohne Gespräch, Erinnerungen an Episoden, Fragen zu Neuigkeiten oder nach neuen Ideen. Das wirkt nie aufgesetzt oder distanziert. Rudolf Renner sagt selbst, dass er beim Gesprächspartner immer positive Ströme erzeugen wolle. Das erklärt zum Teil seine Anerkanntheit bei Kollegen, Künstlern und Partnern aus dem öffentlichen Leben. Dabei gibt es für ihn kein Denken in Partei-, Ideologie- oder Religionsschablonen, auch wenn sein eigenes Fundament christlich-humanistisch geprägt ist. ,,Alle politischen Gruppierungen engen den Menschen in seiner Freiheit ein", ist er überzeugt. Deshalb habe er nach der Wende auch abgelehnt, ein politisches Amt zu übernehmen. Außerdem ist er so sehr in der Kultur- und Kunstszene der Region verwurzelt, dass er davon nicht lassen konnte und wollte. ,,Ich bin im Senftenberger Museum aufgewachsen", erklärt Renner die frühe Neigung für kulturelle und künstlerische Arbeit. Frühe MuseumsführungenGeprägt hat ihn als Schüler das Senftenberger Künstlerpaar Margo und Günther Wendt zu Beginn der 60er-Jahre. Günther Wendt war Maler, Grafiker und gleichzeitig Museumsleiter und ließ den Jungen in die Welt des Museums hinein schnuppern. Schon mit 14 durfte er selbst kleine Museumsführungen durchführen. ,,Sonst wäre ich vielleicht Lehrer geworden." Nach dem Studium der Kulturwissenschaft in Meißen und dem Tod von Günther Wendt 1971 hätte er das Museum in Senftenberg als Leiter übernehmen können, ,,aber dafür fehlte das richtigeParteibuch", und auf solchen Handel wollte er sich nicht einlassen. Rudolf Renner ging ins Synthesewerk Schwarzheide in die Abteilung Kultur und war zunächst für den Ankauf von baugebundener Kunst zuständig. In dieser Zeit hat er alle regionalen Künstler kennengelernt und dadurch wichtiges Kapital für die spätere Ausstellungstätigkeit gewonnen. ,,Ich habe Günther Wendt viel zu verdanken." Überhaupt hat sich Renner an Menschen orientiert, die ihn beeindruckt haben. Den Bildhauer und Philosophen Friedrich Press nennt er beispielhaft. Mit einem Lächeln erinnert sich Renner an seine Lehrerin aus Altdöbern. ,,Sie ist immer dabei bei meinen Veranstaltungen und schaut nach, was aus mit geworden ist." 108 Ausstellungen mit Werken von bedeutenden Künstlern von da Vinci bis Otto Kokoschka und Marc Chagall seit der Wende stehen auf Rudolf Renners Vita. Mit vier Besuchern bei der ersten Ausstellungseröffnung 1990 hat es angefangen, schmunzelt Renner, über 400 waren es bei seiner letzten, der Ikonenausstellung, die noch bis Mitte Januar in der BASF-Galerie zu sehen ist. Die bezeichnet er auch als glücklichen Höhepunkt als Ausstellungsorganisator. Wegen ihrer künstlerischen Bedeutung und weil sie seiner christlich geprägten Weltanschauung entspricht. Wie man solche Werke in die Provinz bekommt? Einmal wusste er die Unterstützung der BASF mit ihrer Kunst unterstützenden Firmenphilosophie hinter sich und zum anderen ,,muss man schnell sein". Dabei hilft der Schatz an erworbener Netzwerkkompetenz ebenso wie sein charmantes und auf die Menschen zugehendes Verhandlungsgeschick. ,,Ihm kann man nichts abschlagen", bestätigt auch die Kuratorin der Ikonenausstellung, Alexandra Neubauer aus Frankfurt/Main. Außerdem habe er von seiner Frau Gisela, die als Ärztin arbeitet, gelernt, dass entschlossenes Handeln oft nötig ist. ,,Der schnellste Galerist" sei er durch sie geworden, reicht er ein dickes Lob an die Ehefrau. MenschenliebeKunstausstellungen hat Renner schon zu DDR-Zeiten organisiert, unter anderem eine Tübke-Ausstellung, Grafiken des Malers Wolfgang Mattheuer und kurz vor der Wende Arbeiten des vor wenigen Tagen gestorbenen Senftenberger Malers Gerhart Lampa. ,,Menschenliebe und Handeln" sind Renners Lebensmaxime. Deshalb gibt es für ihn auch keine Behinderten, sondern nur andere Menschen. Einen solchen hat er seit Jahren als Techniker beschäftigt. "Mit 16 konnte Enrico nicht sprechen. Niemand wollte ihn haben. Inzwischen kann er sich artikulieren, macht bei mir eine wunderbare Arbeit und ich verlasse mich oft auf sein emotionales Urteil über Künstler. Enrico ist selbst ein wunderbarer Maler, hat schon in Dresden ausgestellt."Wenn die Dinge mal nicht so gelaufen sind, wie Renner sich das vorstellt, hält er sich an Eckart von Hirschhausens Rat, jeden Abend die schönen Dinge des Lebens zu reflektieren. Man kann gewiss sein, dass für Rudolf Renner der Ruhestand eher ein Unruhestand ist. Er wird der BASF weiter für die Kulturarbeit zur Verfügung stehen, möchte ein Buch schreiben und hat noch Ausstellungsprojekte im Kopf.