Ihre Romane sind natürlich Kriminalfälle, in denen es Opfer und Täter gibt. Doch Petra Hammesfahr (geboren 1951) erhebt den Anspruch, hinter das Beziehungsgeflecht von Tätern und Opfern zu schauen. So auch in ihrem neuesten Werk „Der Schatten“ .
Aus der ehrgeizigen Filmproduzentin Stella ist ein menschliches Wrack geworden. Sie trinkt, hat ein behindertes Baby zur Welt gebracht und obendrein ständig Ärger mit der Schwiegermutter. Einziger Halt ist ihr Mann Heiner, der Polizeikommissar. Der ist im Dienst, als im Fernsehen ihr größter Erfolg „Der Schatten mit den Mörderaugen“ wiederholt wird. Betrunken schläft sie vor dem Fernseher ein und wird durch einen fürchterlichen Schrei wach. Im Film kämpft eine Frau vergebens um ihr Leben, und plötzlich steht der Schatten mit den Mörderaugen im eigenen Wohnzimmer leibhaftig vor Stella. Fiktion und Realität gehen ineinander über. Am nächsten Morgen sind ihre Schwiegermutter tot und das Baby verschwunden. . . Der Tag der Abrechnung ist gekommen.
Wofür, das verrät die Autorin den mehr als einhundert Zuhörern im Heron Buchhaus freilich nicht. Denn sie sollen ja zum Buch greifen. Und darauf dürften sich die meisten garantiert freuen. Denn Petra Hammesfahr ist nicht nur eine ausgezeichnete Schreiberin, sondern auch eine brillante Vorleserin. Mit sicherer Stimme liest sie eine Stunde lang, hält die Zuhörer mit der spannenden Geschichte um den Mord an dem Taxifahrer Martin und seiner Freundin Gabi, die den Tod ihres Geliebten nicht fassen kann und mit zartem Stimmchen bettelt „Helfen Sie mir“ , in Atem.
„Ich will die Leute über das Gefühl erreichen, nicht über den Verstand“ , sagt sie und erzählt, dass es in ihren Romanen weniger um „Action“ gehe und sie auf die Schilderung von Brutalität so weit wie möglich verzichte. Deshalb gebe es in ihren Geschichten auch nie den „Superbullen“ , und die Leiden der Opfer - meist Frauen und Mädchen - versuche sie den Lesern weniger durch direkte Schilderungen, sondern eher über Tatortberichte und Obduktionsbefunde nahe zu bringen. Und ein „Happyend“ im Sinne der erfolgreichen Aufklärung habe es bei ihr nur einmal in „Die Lüge“ gegeben. „Viel lieber lasse ich die Leser am Ende im Regen stehen. Auch, wenn sie das Buch vielleicht ein zweites Mal lesen müssen, um selbst zu entscheiden, wer Recht hat. Das Opfer oder der ermittelnde Polizist.“ Denn gerade die Grauzonen sind es, für die sich die psychologisch ambitionierte Autorin besonders interessiert.
Dass Petra Hammesfahr mit dieser, ihrer eigenen Herangehensweise, Erfolg hat, zeigt ihre riesige Liste von Buchveröffentlichungen und Fernsehfilmen, an denen sie als Drehbuchautorin (u.a. „Der stille Herr Genardy“ , zwei Episoden für „Der Fahnder“ ) beteiligt war. Auf die Frage einer Zuhörerin, woher sie ihre Ideen nehme, antwortet sie mit einem verschmitzen Lächeln: „Ich nehme nicht die Ideen. Die Ideen nehmen mich“ . Und sie gibt zu, dass „Der Schatten“ auch eine kleine Abrechnung mit dem Filmgeschäft sei, in der sie einige böse Erfahrungen verarbeitet habe - nachdem sie das Drehbuch für den erfolgreich gesendeten Pilotfilm einer Serie verfasst hatte, haben andere Autoren die Drehbücher für die Serie weitergeschrieben.
Obwohl sie mit 17 bereits angefangen hat zu schreiben, wurde der erste Roman erst veröffentlicht, als sie bereits 41 war. 1991 machte die gelernte Einzelhandelskauffrau ihr Hobby zum Beruf. Doch zuvor bekam sie von den verschiedensten Verlagen 159 Absagen. Nur gut, dass sich Petra Hammesfahr davon nicht entmutigen ließ. Sonst wäre die deutsche Krimi-Szene heute um eine Bestseller-Autorin ärmer.
Petra Hammesfahr: Der Schatten. Wunderlich im Rowohlt Verlag. Gebunden. 480 Seiten. 19,90 Euro .