Das Publikum muss aber auch bei diesem GlückAufFest nicht auf Genrevielfalt - die steckt im „Faust“ allemal: Es ist Tragödie wie Komödie, es gibt Klamauk, Parodie, Mummenschanz und er führt von der Antike übers Mittelalter in die Neuzeit.
„Faust I“ findet im Theater statt. Hier erteilt Gott Mephistopheles die Erlaubnis, Faust in Versuchung zu führen, in der festen Annahme, dass der sich auch "in seinem dunklen Drange des rechten Weges wohl bewusst" sei. Faust schlürft den Zaubertrank, der ihn verjüngt und in leidenschaftlicher Liebe zu Gretchen entbrennen lässt. . .
Mit Faustens Aufbruch in die Welt, der Tragödie II. Teil, gehen auch die Zuschauer auf die Reise. Vier Stationen warten auf Spieler und Publikum in einer Nacht, in der Orte in und um Senftenberg zu Schauplätzen von Geschichten werden, die Goethe wohl zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufschrieb, die jedoch deutliche Analogien zur Gegenwart aufweisen.
Station 1 ist die Sparkasse am Senftenberger Markt. Faust und Mephisto erfinden hier das Papiergeld, um das durch Misswirtschaft und Korruption zerrüttete Staatsgebilde des Kaisers zu sanieren. Der Kaiser aber will mehr . . .
In der zweiten Station, der Fachhochschule Lausitz, ist die Zeugung des körperlosen "Homunculus", der den reinen Geist symbolisiert, zu erleben. Die schöne Helena kommt auf Station drei, dem mittelalterlichen Senftenberger Schloss, mit Faust zusammen - die Verbindung der Antike mit dem Abendland. Letzte Station ist eine alte Fabrikhalle am Rande des Tagebaus. Faust will als sozial Tätiger Land gewinnen, geht dabei aber über Leichen . . .
Vier Stationen außerhalb des Theaters (das selbst ja auch für die Inszenierung eingerichtet werden muss) - eine Lkw-Ladung Material für jeden Standort. Zweifellos eine logistische Herausforderung für den Technischen Direktor Axel Tonn und Ausstatter Tobias Wartenberg. Auch wenn beide in den wenigen Tagen bis zur Premiere noch mächtig zu tun haben, machen sie einen recht gelassenen Eindruck. „Wir sind ja immer auch ein Reisetheater gewesen“ , erklärt Axel Tonn, „da sind wir es gewohnt, die unterschiedlichsten Ausstattungen vor Ort vorzufinden. Da wird man schon ein bisschen wetterfest“ . Auch deshalb, weil die Neue Bühne oft zu den Leuten in der Region geht und dabei auch ungewöhnliche Aufführungsorte nutzt. „Ja, und die Menschen mögen das“ , sagt Tobias Wartenberg.
Wenn der Technische Direktor und der Ausstatter das Wort „Schwierigkeit“ überhaupt in den Mund nehmen, dann im Zusammenhang mit der alten Fabrikhalle. „Die stand als letzter Spielort fest, da hatten wir die wenigste Zeit, uns zu überlegen, wie wir das lösen“ , erläutert Wartenberg. Ursprünglich sollte eine Bühne am Tagebaurand aufgebaut werden, aber diese Idee war aus verschiedenen Gründen nicht zu realisieren. Allein die wochenlange Bewachung hätte den Etat gesprengt.
Ob Halle, Schloss, Audimax oder Sparkasse: „Jede Spielstätte für sich hat einen gewissen Charme“ , berichtet Tonn. „Aber gerade dieser Wechsel von der einen zur anderen, der ist wirklich sehr spannend. Die glänzende Sparkasse im Gegensatz zu dieser abgelebten Eisenwerkhalle - das sind schon sehr unterschiedliche Eindrücke, die bleiben werden.“
Zum Teil, etwa im Schloss, wird unter freiem Himmel gespielt. Das dünne Abendkleidchen reicht da als Garderobe gewiss nicht aus. „Wir haben natürlich für ein paar Schirme gesorgt, wahrscheinlich wird's noch ein paar Regencapes geben, Decken. Und sicher wird auch der eine oder an dere Glühwein gereicht werden“ , ergänzt Tobias Wartenberg.