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Der Reformator haut auf die Pauke

Der 43-jährige Betriebswirt Jens Ott schlüpft in das Luthergewand.
Der 43-jährige Betriebswirt Jens Ott schlüpft in das Luthergewand. FOTO: Sven Gückel/svg1
Herzberg ist im Reformationsfieber. Die ganze Stadt macht Theater. Am 14. und 15. Juli wird das Stück des Berliner Regisseurs Kai Schubert "Mein Licht – Der Aufbruch der Anna zu Herzberg" auf dem altehrwürdigen Marktplatz aufgeführt. Vor der Probe lief der RUNDSCHAU Luther über den Weg.

Martin Luther, welch ein entschlossener Blick! Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen.
Ott Oh, da irren Sie sich. Ich bin nicht Martin Luther. Ich schlüpfe nur in sein Gewand. Im wahren Leben bin ich Jens Ott und Leiter des Seniorenzentrums Herzberg.

Wie passt der Reformator denn zum Leiter eines Seniorenzentrums?
Ott Nun, vielleicht ist ja auch die Pflege in Deutschland noch reformierungsbedürftig (lacht). Aber eigentlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Wir sind alle Laiendarsteller aus Herzberg, die im Alltag unterschiedliche Berufe ausüben. Ich laufe nun nicht durchs Haus und posaune herum: Ich spiele Luther. Aber es hat sich wohl herumgesprochen, dass ich die Figur gebe. Die Familie ist schon ein wenig stolz. Und die meisten Bekannten und Freunde wissen ohnehin, dass mich nichts so leicht schreckt. Die Rückmeldungen sind durchaus positiv.

Ist das Ihre erste Kulturtat?
Ott Keinesfalls. Ich tanze schon gern auf allen Hochzeiten. Ich bin im Förderverein des Philipp-Melanchthon-Gymnasiums Herzberg, wo meine 16-jährige Tochter Laura unterrichtet wird und auch Gitarre spielt. Sie ist auch bei den Falkenberger Tanzmäusen dabei. Und ich haue bei den "Schlagfertigen" auf die Pauke. Wo neue Ideen entstehen, bin ich gern mittendrin.

Wie sind Sie zu der Rolle gekommen?
Ott Als der mit der Herzberger Partnerstadt Soest verbundene Regisseur Darsteller im Ort für das Stück suchte, trieb mich die Neugier hin. Von jedem Interessierten wurden Fotos gemacht. Und man musste ein paar Sätze sprechen. Wenig später hat mich die Herzberger Kulturamtsleiterin Karin Jage angerufen und mir mitgeteilt, dass ich der Luther sein soll. Vielleicht hat das ja mit meiner wohlgenährten Statur zu tun (lacht). Dennoch fühlte ich mich nicht gleich der Rolle gewachsen. Ich bin immerhin 1,88 Meter groß. Der Luther war wohl wesentlich kleiner. Aber was für eine Geistesgröße! Als die ersten Proben über die Bühne gegangen waren, begann ich mich, in seinem Gewand wohlzufühlen. Wenn man sich so im Spiegel sieht, mit Pluderärmeln, langem Mantel und Barett schlüpft man gleich ganz anders in die Rolle hinein.

Wer sorgt denn für die mittelalterlichen Gewänder?
Ott Sie kommen aus der Nähwerkstatt der Produktionsschule in Alt-Herzberg. Durch das Projekt "Brücke zur Arbeit", gefördert durch den Europäischen Sozialfonds, können sozial benachteiligte Jugendliche und auch Flüchtlinge, die hier die deutsche Sprache lernen, viele praktische Erfahrungen sammeln. Sie sind für ein Jahr in diesem Projekt, und unter ihren Händen sind schon einige sehr schöne Kostüme für verschiedene Anlässe entstanden. Sie lassen sich dabei durch Bücher, Fotos und Videos aus der Zeit der Reformation inspirieren und lernen so auch ein Stück deutsche Geschichte.

Die Hauptrolle spielt Luther nicht in Herzberg. Grämt Sie das?
Ott Überhaupt nicht. Im Mittelpunkt unseres Reformationsspiels steht Anna, deren Entwicklung von drei Darstellerinnen über drei Generationen gezeigt wird. In der fiktiven Geschichte wird Anna als Findelkind an die Elster gespült, darf nicht zur Schule gehen. Ihre Nachfahren aber lernen das Lesen und Schreiben. Das ist auch ein Verdienst Luthers und vor allem Philipp Melanchthons, der in Herzberg historisch verbrieft eine große Rolle gespielt hat. Und auch im Stück macht mir das Zusammenspiel mit Melanchthon großen Spaß, wird er doch von Volkmar Tietze verkörpert, den ich gut kenne. In unseren Dialogen geht es schon mal heiß her. Überhaupt ist das Besondere, dass die zwei Dutzend Darsteller aus Herzberg und Umgebung kommen. Die Statisten, die als Bauern, Mägde und Torwächter auf dem Marktplatz unterwegs sein werden, sind da noch gar nicht mitgerechnet. Auch die Spieler der Theaterwerkstatt aus den Elsterwerkstätten sind mit dabei und einige Chöre. Ab dem 10. Juli werden wir jeden Tag Probe haben, bis alles sitzt.

Wie steht es um das Lampenfieber? Ist die Schauspielerei Ihre heimliche Leidenschaft?
Ott Aufregung gehört dazu. Aber ich habe schon in der Schule in Torgau, wo ich aufgewachsen bin, die Lehrer nachgeahmt und mich dann später gern mal verkleidet für private Feiern. Als ich 1996 mit meiner Frau hierher gezogen bin, lernte ich die Herzberger als ein sehr offenes Völkchen schätzen. Unser Freundeskreis ist so groß, als wären wir schon immer hier gewesen. Auch als "Schlagfertiger" ist es für mich kein Problem, vor vielen Leuten aufzutreten.

Was gefällt Ihnen denn persönlich am meisten an dem Reformator?
Ott Für mich sind Stück und Jubiläum Anlass, mich noch einmal selbst intensiv mit der Reformationszeit auseinanderzusetzen. Mir imponiert, wie Luther unbeirrt dran geblieben ist an seinen Ideen, die dann die ganze Welt erobert haben.

Gibt es einen Spruch von ihm, den Sie besonders mögen?
Ott "Musik ist ein reines Geschenk und eine Gabe Gottes, sie vertreibt den Teufel, sie macht die Leute fröhlich und man vergisst über sie alle Laster."

Luther, das klingt nach einem fröhlichen Reformationsspiel. Es war mir ein Vergnügen, Ihnen in Herzberg begegnet zu sein.
Und ich freue mich darauf, die Gedanken des Reformators ein wenig weitertragen zu können.

Mit Luther alias Jens Ott

sprach Ida Kretzschmar

Zum Thema:
Das Stück "Mein Licht - Der Aufbruch der Anna zu Herzberg" wird am 14. Juli und am 15. Juli ab 19 Uhr auf dem Marktplatz Herzberg aufgeführt. Für beide Veranstaltungen können bereits Karten in der Buchhandlung Bücherkammer (Tel.: 03535 248779), in der Buchhandlung Jachalke am Markt (Tel.: 03535 6130) oder in der Touristeninformation in der Herzberger Stadtkirche (Tel.: 03535 2480544) erworben werden.