Und so wird dieser Abend in kleiner trauter Runde wahrlich zur "Herzenssache", die der Cottbuser Bücherfrühling in diesem Jahr in den Fokus rückt. Manchmal wird den Zuhörern wie schon bei anderen Lesungen dieser Tage in der Region das Herz ein wenig schwer, denn es sind auch die Schmerzen der Lausitz, die die Urenkelin von Theodor Storm in ihrem Buch beschreibt. Auch wenn sie den Verlust von Heimat durch das rigorose Fortschreiten des rheinischen Braunkohlebergbaus rund um Garzweiler schildert. Sie nennt, was daraus wurde, das "größte künstliche Erdloch der Welt".

Etwa 50 000 Menschen müssen dort der "Grube" weichen, die immer weiter wächst, erzählt sie. "Warum noch Bäume pflanzen, wenn man wusste, alles würde herausgerissen werden?", lässt sie das Ausgeliefertsein der Menschen spüren, ihre vergeblichen Hoffnungen auf eine langsamere, bedächtigere Zeit. Trauer und Empörung mischen sich, als die Garzweiler Kirche abgerissen wird, die Gräber geöffnet, der Lärm der Grube unüberhörbar, die Häuser geplündert werden.

Der Roman fällt ein wenig aus der Welt, wird Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro im anschließenden Gespräch zu der Schriftstellerin, die einst zu der legendären Literaturvereinigung "Gruppe 47" gehörte und zeitweilig P.E.N.-Vorsitzende war, sagen: Ungewohnt sei solcherart engagierte Literatur. Sie wolle nicht nur ein Gefühl der Empörung und des Verlustes vermitteln, sagt sie darauf, sondern auch etwas sehr Positives: "Verwurzeltsein kann auch viel Kraft geben", so die 81-Jährige.

Die Sehnsucht wachse, das Verlorene wiederzufinden und nicht alles nur nach Gewinn und Verlust und nach seinem Warenwert zu betrachten, ist sie überzeugt, auch wenn immer mehr Menschen wurzellos leben (müssen).

"Ein bisschen Sand ins Getriebe möchte ich werfen, mehr kann man nicht tun", fügt sie noch hinzu, weil der Braunkohletagebau Garzweiler II schon beschlossene und begonnene Sache ist, die die Umsiedlung mindestens eines Dutzends weiterer Dörfer und damit den Raub der Erinnerungen bis 2045 festschreibe.

Wie ist denn das Echo zu diesem Buch aus jenen Dörfern in der Warteschleife, möchte ihr Cottbuser Schriftstellerkollege Helmut Routschek aus dem Auditorium wissen. "Sie fühlen sich verstanden und sind beunruhigt. Schon mehr als 20 Jahre vor dem Abriss liegt ein Schatten auf ihrem Zuhause", erzählt die Schriftstellerin, die auch hier in Cottbus auf eine positive Resonanz stößt. "Sie haben genau das wiedergegeben, was wir auch in Horno empfunden haben, als das Dorf abgebaggert wurde", sagt Marion Suckow.

Braunkohlebefürworter melden sich an diesem nachdenklichen Abend nicht zu Wort.