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| 17:44 Uhr

Interview mit Jürgen Kuttner
Unterhaltsamer Schnelldenksprecher

Jürgen Kuttner hält „Videoschnipselvorträge“ in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus. 
Jürgen Kuttner hält „Videoschnipselvorträge“ in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus.  FOTO: Thomas Aurin
Cottbus. Der Radikal-Aufklärer gastiert ab 27. Oktober mit  mehreren „Videoschnipselvorträgen“ am Cottbuser Staatstheater. Von Gunnar Leue

Jürgen Kuttner (60) gastiert ab 27. Oktober mit einer Serie seiner „Videoschnipselvorträge“ in Cottbus.

Herr Kuttner, Cottbus ist für Sie als Vortragsreisender kein unbekanntes Pflaster, oder?

Kuttner Nö, als ich vor vielen Jahren mein „Sprechfunk“-Buch veröffentlicht hatte, war ich auch zweimal zu Lesungen in Cottbus. Wegen der Hunderten Anmeldungen von Interessierten musste ein Zelt auf dem Marktplatz aufgebaut werden. Ich habe deshalb dankbare Erinnerungen daran. Abgesehen davon war ich auch ein paar mal im Glad-House zu Gast und auch einmal bei Christoph Schroths „Zonenrandermutigung“ am Cottbuser Staatstheater dabei. Ich freue mich jedenfalls auf die „Videoschnipselvorträge“ demnächst in Cottbus. Außerdem finde ich es gut, mich nicht nur aufs Berlintum und das Berliner Publikum zurückzuziehen, sondern auch mal ein anderes Publikum zu erleben.

Inwiefern anders?

Kuttner Ich habe das Gefühl, in Berlin kenne ich alle, weil viele Leute vielleicht schon zehnmal in meinen Vorstellungen waren. Insofern setze ich mich jetzt einer gewissen Fremdheit aus, was total interessant ist. Außerdem gibt es sicher Unterschiede beim  Publikum. Das in Berlin ist eine Spur hipper und szeniger. In den Brandenburger Orten, ich war ja auch in Schwedt oder neulich in Neuruppin,  ist das Spektrum breiter. Da kommen junge Leute, die mich nicht aus dem Radio kennen und ältere Leute, die mich nur vom Radio kennen. Ist doch toll.

Werden sich deshalb die „Video­schnipselvorträge“ unterscheiden?

Kuttner Nein, da geht es um ein bestimmtes Thema, und ich versuche mit passenden Schnipseln eine Dramaturgie zu finden. Wobei ja zu 80 Prozent live improvisiert wird, ich spiele sozusagen mit der Situation. Das ist so ein bisschen wie ein Köpper vom Zehner, wo man Angst vorm Aufklatschen hat, obwohl man schon zehnmal gesprungen ist. Es ist für mich immer noch atemberaubend, da oben allein auf der Bühne zu stehen, das Publikum zu sehen und wissen, mit dem musst du jetzt in ein gutes Gespräch kommen.

Inwieweit gehen Sie bei Ihrer Welterklärung auf aktuell-politische Geschehnisse ein?

Kuttner Meine Vorträge haben schon immer eine gewisse Aktualität, aber ich mache keine Lokalveranstaltung und keine Heimatfolklore. Ich mache es nicht so direkt politisch, sondern bevorzuge den etwas anderen Blick auf bestimmte Zusammenhänge und eine bestimmte Form von Ironisierung und Selbstironisierung. Ich mache ja kein Politikkabarett unter Verwendung aktueller Videoausschnitte. Bei mir geht es stärker um geschichtliche Zusammenhänge. Wenn ich einen Ausschnitt finde, der vielleicht 40 Jahre alt ist, kann der viel interessanter sein als einer, der zwei Wochen alt ist. Einfach weil in dem in gewisser Weise viel mehr zu erkennen ist. Wir leben ja heute in einer Zeit mit so einer komischen Geschichtsvergessenheit.

Wie meinen Sie das?

Kuttner Es gibt für viele Leute nur noch ein Heute. Wir leben gerade in so einem hysterischen Katastrophenmodus, wonach im Grund alles nur noch schlechter werden kann. Was momentan deutschlandweit stattfindet, ist eine gewalttätige Verteidigung des Istzustandes. Es soll bitte schön alles so bleiben wie es ist, bestenfalls wieder so sein, wie es gestern war. An vorgestern erinnert man sich aber schon nicht mehr. Aber wenn man keinen Sinn mehr für Vergangenheit hat, gibt’s auch keine Zukunftsvorstellungen.

Kein Mensch fragt sich: Wie könnte denn unser Land in zehn oder fünfzehn Jahren aussehen? Was wäre denn toll? Zukunft denken ist nur noch: Wie sieht die nächste iPhone-Generation aus? Werden die Pflegebeiträge steigen?

Na ja, es gibt schon ein paar Leute, vor allem politisch sehr rechte, die genaue Vorstellungen haben, wie Deutschland in zehn Jahren aussehen soll ...

Kuttner ... das stimmt. Aber ich meine in diesem Fall, dass immer weniger Menschen sagen: Zukunft ist ein offenes Feld und wie kommt man dahin, dass es allen Menschen besser geht. Wie könnte sie aussehen, eine etwas gerechtere Gesellschaft, in der die Alten keine Angst um ihre Rente haben müssen und die Jungen um ihre Jobs und Wohnungen? Solche Vorstellungen von Zukunft gibt es überhaupt nicht mehr.

Das Format „Videoschnipselvortrag“ ist Ihre bescheidene Möglichkeit, auch solche Dinge zumindest anzureißen?

Kuttner Durchaus. Ich mache meine „Videoschnipselvorträge“ jetzt seit 22 Jahren, inzwischen sogar in der Schweiz und in Österreich, und die Leute kommen immer noch, weil es mir um Inhalte geht. Über die Form bekommt das eine Originalität, die es so woanders nicht gibt.

Mit welcher Einstellung darf oder sollte das Publikum zu Ihnen in die Kammerbühne kommen?

Kuttner Im besten Fall mit Neugier und der Hoffnung, nicht blöder aus der Veranstaltung rauszugehen als reingegangen zu sein. Aus meiner Erfahrung kann ich schon bestätigen, dass es dem Publikum meistens Spaß macht. Man wird öfters was zu lachen haben. Und man kann auch immer wiederkommen. Kein Abend wird wie der andere sein. Manchmal sagen ja Leute: Ah, Kuttners Videoschnipsel, habe ich schon gesehen. Das ist bei mir aber nicht wie bei einem Theaterstück, wo die Vorstellung am nächsten Abend praktisch die gleiche ist wie am Abend zuvor. Bei mir gibt es jeden Abend ein anderes Thema mit anderen Ausschnitten. Wenn ich mir also was wünschen könnte, dann, dass die Leute halbwegs regelmäßig zu den Vorstellungen kommen. Wenn sie wissen, worum es geht, ist der Genuss noch größer.

Mit Jürgen Kuttner
sprach Gunnar Leue

Ab 27. Oktober in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus. Fünf weitere Termine, jeweils samstags, folgen.  Karten online über www.staatstheater-cottbus.de, Ticket-Telefon 0355/ 7824 24 24.