Raoul Habenicht ist ein Scheidungskind. Deshalb muss er auch die vierte Klasse wiederholen. Warum genau, will er auch auf die Frage von Herrn Mehlhose, seinem neuen Klassenlehrer, nicht erzählen. Es ist ja auch eine lange Geschichte, und vieles ist schief gelaufen, und ein bisschen fühlt er sich auch schuldig. Seine Eltern haben ihm zuerst Kino- und Eisgeld gegeben, damit sie ungestört schmusen und am Ende, damit sie sich ohne Raouls Beisein streiten können.
Der Junge liebt sie beide, den schönen Vater mit dem dichten Rauschebart wie Karl Marx und die adrette und ein bisschen etepetete Mutter als farbiges Kontrastprogramm dazu, mit ihrer gefärbten Frisur und den lackierten Fingernägeln. Der Vater ist Lagerarbeiter in einer Kaufhalle (so hießen in der DDR die Supermärkte). Die Mutter arbeitet auch beim Handel und hat alle Aussichten, mal Konsumdirektor zu werden. Dafür muss sie abends, am Wochenende und manchmal auch auswärts studieren. Effekt: Sie sagt bald, der Vater habe sich „nicht entwickelt“ . Wir erfahren, dass das nicht wahr ist. Er muss sich ja um den Jungen kümmern, und außerdem: Was der alles vom Vater lernt, was wir mitlernen können und worüber wir als Leser staunen, das geht auf keine Kuhhaut. Das kann man wörtlich so sagen; denn der Vater und die Großeltern von seiner Seite wohnen auf dem Lande. Raoul gefällt es dort: die Tiere, die natürlichen Abenteuerspielplätze. Da ist Leben. Außerdem hat er dort einen Freund - den Kater Munzo, der immer wieder freudig gefangene Mäuse angeschleppt bringt und gelobt werden will, weil er so zum Unterhalt beiträgt. Aber: Wie brät man eine Maus? Eine Antwort darauf findet keiner.
Raouls Mutter stinkt's auf dem Lande zu sehr, es ist ihr zu schmutzig, und außerdem herrscht dort Langeweile. Sie ist ein Stadtmensch. Deshalb liebt sie auch diesen glatzköpfigen Lengefeld, mit dem sie sich besser unterhalten kann. Sie heiratet ihn, und Raoul muss in die Stadt und die Glatze als seinen neuen Vater anerkennen.
Heimlich hat Raoul Kater Munzo mitgebracht. Der vergnügt sich in der piekfeinen Stadtwohnung. Große Empörung und Ultimatum: Die Katze soll ausgesetzt oder eingeschläfert werden. Basta! Ein Zufall erlaubt dem Jungen auszubüxen, abzuhauen und aufs Land zu fahren. Schule lässt er Schule sein. Er wird zum Schulschwänzer. Welche Verwicklungen das ergibt, ob sich und wie sich die Sache wieder einrenkt, das muss man schon lesen. Und man muss es auch gelesen haben. Aus mehreren Gründen.
Erstens: Helmut Sakowski hat sich in Pädagogik eine glatte Eins verdient. Wie der Schulschwänzer zu sich selbst findet, wie Eltern, Großeltern und neue Partner sich nach Spott, Verachtung und Hass wieder einkriegen und die richtige Kurve nehmen, das stimmt froh. Dabei werden in der gekonnten Manier des guten Fernsehautors die Konflikte wirklich ausgespielt.
Zweitens: Raoul Habenicht ist ein literarischer Verwandter des Ottokar Domma und des Alfons Zitterbacke. Im Unterschied zu diesen seinen „Cousins“ sieht er sich in die zusammenhängende Handlung eines ganzen Buches verflochten. Wie toll: Sakowski fühlt sich nämlich richtig gut in die Zehn-/Elfjährigen hinein. Er bringt herrliche kindliche Beobachtungen in der Erwachsenenwelt, in der Sprache des Heranwachsenden formuliert, zu Papier. Manches Bonmot findet man in diesem Buch. Solcher Humor erfrischt.
Drittens: Erstaunlich, und wahrscheinlich liegt es daran, dass Sakowski selbst ein Landmensch war, ist sein ökologischer Standpunkt. Er baut auf die Intelligenz der Natur und hält für übertrieben und ungesund, wie der Mensch mit der Technik eingreift und die Natur verwundet. Überhaupt neige der Mensch, das ist sein Unheil, zu Übertreibungen.
Viertens: Bald noch mehr erstaunlich ist, dass in diesem Buch die Kirche vorkommt. Raoul schwärmt vom Orgelspiel, das er einmal miterlebt hat. Sogar mit dem Pastor hat er drüber gesprochen. Der erklärt ihm, was er gehört habe, sei barocke Spielerei. Raoul: „Schade, dass es so wenig davon gibt.“
Das möchte man auch sagen, wenn man dieses Buch zuschlägt. Aber das ist vielleicht ungerecht. Immerhin gibt es diese zwölf Klassiker, und Verlagschef Elmar Faber hat gesagt, die Auswahl war groß und schwer.

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