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| 12:13 Uhr

Theaterkritik
„Der nackte Wahnsinn“ ist ganz alltäglich

Sie zelebrieren den Wahnsinn: Eva Kammigan, Michael Zehentner, Marianne Helene Jordan, (v.v.l.), dahinter Tom Bartels, Hanka Mark.
Sie zelebrieren den Wahnsinn: Eva Kammigan, Michael Zehentner, Marianne Helene Jordan, (v.v.l.), dahinter Tom Bartels, Hanka Mark. FOTO: Steffen Rasche
Senftenberg. Das Publikum feiert die Premiere einer quirligen englischen Komödie am Senftenberger Theater. Von Heidrun Seidel

Eigentlich soll nur eine lustige Geschichte erzählt werden: Die Haushälterin Mrs. Clackett will es sich in der Abwesenheit ihrer Herrschaften mit ein paar Sardinen vorm Fernseher gemütlich machen, als der Makler Tramplemain in dem vermeintlich leeren Haus auftaucht, weil er es auf ein Schäferstündchen mit der kurvigen Brooke abgesehen hat. Dann kommen die vor der Steuer geflüchteten Hausbesitzer zurück – und eine klassische Verwechslungs- und Verstrickungskomödie könnte beginnen.

Wenn da nicht kurz vor der Premiere Chaos im Theater herrschen würde. Die einstige Diva Dotty Otley bringt Text und Abgänge durcheinander, ihre Kollegen verpassen das Stichwort, und im Bühnenbild klemmen auch noch die Türen. Der Regisseur aus dem Off, zunächst noch geduldig mit dem gehetzten und überforderten Ensemble des kleinen von Personalknappheit gebeutelten englischen Tourneetheaters, verzweifelt zunehmend.

Erst seit 14 Tagen proben die Schauspieler zwischen den Gastspielen in unterschiedlichen Städten die „Nackten Tatsachen“, die in wenigen Stunden Premiere haben sollen. Dazu kommen Profilierungsversuche, Beziehungskrisen, Eifersüchteleien und die gemeinsame Angst, dass auch noch ein alkoholsüchtiger Kollege die Vorstellung schmeißen könnte. Mühsam versuchen dennoch alle mit Improvisation die Fassade zu wahren und so professionell wie ihnen möglich, dem Publikum etwas vorzugaukeln.

Die 1982 verfasste und im gleichen Jahr in London uraufgeführte Komödie „Der nackte Wahnsinn“ des englischen Autors Michael Frayn über das Theater im Theater gehört nach seiner deutschen Erstaufführung 1983 in Wiesbaden zu den meistgespielten und gefeierten Komödien in deutschen Spielstätten. Für Senftenberg hat es die Berliner Regisseurin und Schauspielerin Johanna Schall, die bereits mit Agatha Christies „Mausefalle“ an der Neuen Bühne für sehr gut besuchte Vorstellungen gesorgt hatte, inszeniert. Sie schätze das Ensemble, das sehr diszipliniert und in angenehmer Atmosphäre in einer professionellen Mischung aus Fleiß und Mut miteinander arbeite, sagt sie. Bei der Inszenierung hat sie sich an die gelungene Stückkonstruktion gehalten. Die Zuschauer erleben den ersten Akt des Stückes im Stück dreimal: als chaotische Probe kurz vor der Premiere, als Aufführung mit pantomimisch dargestellten Zerwürfnissen und Zwistigkeiten hinter der Bühne und als Vorstellung am Ende der Tournee, in der nichts mehr klappt und sich die darstellenden Darsteller nur noch mit Improvisation und zunehmendem Wahnsinn über die Zeit retten.

Das quirlige Treiben auf der Bühne mit Wortgefechten und nahezu artistischem Slapstick fordert die Schauspieler und verführt die Zuschauer zu spontanem Szenenbeifall, wie bei Michael Zehentners atemberaubenden „Ausrutschern“ auf schmierigem Sardinen-Parkett, die manchen Zuschauer wohl den Schmerz spüren ließen. Ebenso gefallen jene in das Stück eingefügte Slow-Motion-Momente, in denen sich – unterstützt durch Lichteffekte – das Geschehen in Zeitlupe abspielt und den Zuschauern in der Schnelligkeit des Stückes ein paar winzige Atempausen gönnt, in denen sie beispielsweise Tom Bartels beim detailgetreuen Zeitlupen-Treppensturz beobachten können. Die schauspielerischen Leistungen überzeugen. Ob Eva Kammigan als Dotty/Mrs. Clackett in selbstironischer Körpersprache und zunehmender Sprach-Verwirrung, Friedrich Rößiger als in den Wahnsinn getriebener Regisseur Lloyd Dallas, Tom Bartels, der als Garry nie einen Satz beendet und als Tramplemain brav seinen Text aufsagt und mit der zunehmenden Vermischung von Theater und Wirklichkeit den fortschreitenden Wahnsinn deutlich macht. Auch Hanka Mark begeistert als naive Brooke und verführerische Vicki, ebenso wie Eva Geiler als sensible Regieassistentin Poppy, Michael Zehentner, Marianne Helene Jordan, Mirko Warnatz und Patrick Gees. Sie können sich in einem Bühnenbild von Ulrike Reinhard mit herrlich kitschiger Vintage-Blümchen-Tapete austoben, die Jenny Schall teilweise auch in den von ihr verantworteten Kostümen für die mitunter unsichtbaren und anpassungsfähigen Helfer des nackten Wahnsinns aufgegriffen hat.

Dass eigentlich für diesen Abend die französische Komödie „Hase, Hase“ im Jahrespielplan vorgesehen war, hat das Publikum erst einmal beiseite und wie vom Intendanten versprochen, auf die nächste Spielzeit verschoben. Es bleibt die Gewissheit: Der nackte Wahnsinn ist überall und ganz alltäglich.

Nächste Vorstellungen am 24. und 31. März, am 1. April, je 19.30 Uhr. Karten unter Tel.: 03573 801286 oder unter www.theater-senftenberg.de.