| 02:43 Uhr

Der Mut des kleinen schwäbischen Schreiners

Georg Elser (Christian Friedel) misst im Bürgerbräukeller das Versteck für seine Bombe aus.
Georg Elser (Christian Friedel) misst im Bürgerbräukeller das Versteck für seine Bombe aus. FOTO: Bernd Schuller/Lucky Bird Pictures
München. Für die Nazis war Georg Elser ein Psychopath. Ein kleiner Schreiner aus dem schwäbischen Hermaringen, der den mächtigen Adolf Hitler ermorden wollte. Elser aber scheiterte und bezahlte für seine mutige Tat mit dem Leben. Oliver Hirschbiegel hat dem lange verkannten Widerstandskämpfer nun einen Film gewidmet. Cordula Dieckmann

Ein junger Mann beim Baden am Bodensee. Er lacht mit Freunden, spielt Gitarre und macht den Frauen schöne Augen. Es ist der Sommer 1932. Wenige Monate, bevor Adolf Hitler in Deutschland die Macht ergreifen sollte. Der charmante Mann ist der Schreiner Georg Elser, der nach seiner Lehre auf Wanderschaft ist und das Leben genießt - noch. Denn der aufziehende Nationalsozialismus beunruhigt ihn so sehr, dass er bald einen lebensgefährlichen Plan schmiedet: Er will Hitler ermorden, die Gefahr des Krieges bannen und Deutschland von der brutalen Macht der Nazis befreien.

Das Attentat ist in "Elser - Er hätte die Welt verändert" Rahmenhandlung und Kernstück zugleich. Der Film nach dem Drehbuch von Fred Breinersdorfer und seiner Tochter Léonie-Claire beginnt im Münchner Bürgerbräukeller. Mit blutigen, zittrigen Händen versucht Elser, mitten in der Nacht seine Bombe mit Zeitzünder in einer Säule hinter dem Rednerpult zu platzieren, wo Hitler zwei Tage später zu den Menschen im Saal sprechen soll. Doch der Plan geht nicht auf. Während Elser am Abend des 8. November 1939 aus der Ferne ständig seine Uhr kontrolliert und auf die Nachricht vom Tod des Führers wartet, verlassen der Diktator und seine hochrangigen Begleiter den Saal - 13 Minuten zu früh. Das Attentat missglückt und Elser wird bald darauf an der Grenze zur Schweiz festgenommen. Sein Schicksal ist besiegelt: Verhöre, Folter, grausame Psychospiele und schließlich der Tod.

Hirschbiegel, der mit seinem oscarnominierten Hitler-Film "Der Untergang" weltweit Aufsehen erregte, interessierte weniger die Frage, wie das Attentat ablief - damit will er sich auch von Klaus Maria Brandauers Film "Georg Elser - Einer aus Deutschland" aus dem Jahr 1989 abgrenzen. Hirschbiegel ging es um die Persönlichkeit des Menschen, der in diesen politisch gefährlichen Zeiten den Mut zu so einer Tat aufbrachte und sie tatsächlich auch völlig allein durchzog. Er wollte zeigen, wie die nationalsozialistische Ideologie schleichend Einzug in den Alltag hielt, und wie aufmerksam und weitsichtig Elser diese Veränderungen in der Gesellschaft wahrnahm und einordnete. Und wie die Nazis den mutigen Widerstandskämpfer als wahnhaften, psychisch kranken Kollaborateur der Amerikaner und Engländer darstellten, bevor sie ihn wenige Wochen vor Kriegsende am 9. April 1945 im Dachauer Konzentrationslager ermordeten.

So werden die nüchternen und schonungslosen Verhörszenen im Berliner Reichssicherheitshauptamt immer wieder für Rückblenden unterbrochen: Elser als fröhlicher junger Mann beim Baden, bei der Rückkehr zu seinen Eltern, wo sein Vater Haus und Hof versäuft, und beim Tanzen, wo er sich in Elsa (Katharina Schüttler) verliebt, die von ihrem Ehemann brutal misshandelt wird. Währenddessen werden die Nazis immer unverschämter, ihre Übergriffe immer perfider. Spätestens seit der Machtergreifung am 30. Januar 1933 demonstrieren sie mit aller Härte ihre Macht. Elser ist zutiefst besorgt und hat nur noch ein Ziel: Er will Hitler töten. Ein Jahr lang tüftelt und bastelt er an einer Bombe von ungeheurer Präzision und behält sein lebensgefährliches Geheimnis für sich, um seine Liebsten nicht zu gefährden.

Christian Friedel ("Das weiße Band") verleiht Elser eine Mischung aus Leichtigkeit, Nachdenklichkeit und Trotz. Schon früh spürt der Schreiner, welche Gefahr über seiner Heimat heraufzieht. Anders als früher in vielen Geschichtsbüchern dargestellt, spielt er ihn aber nicht als verrückten Tüftler, der sich in einen Wahn hineinsteigert, so wie es die Nazis gerne darstellen wollten. Sein Elser strahlt trotz aller Nervosität eine beeindruckende Ruhe aus, die klar macht, dass Elser genau wusste, was er tat, und stets Herr seiner Sinne war.

Besonders grausam sind die Verhörszenen mit Burghart Klaußner als Kripo-Chef Arthur Nebe und Johann von Bülow als Gestapo-Chef Heinrich Müller. Nebe ist ein unheimlicher Mann, der auf den ersten Blick weich und fast verständnisvoll wirkt, der aber in Wirklichkeit eiskalt und gnadenlos zu sein scheint. Hirschbiegel erspart den Zuschauern diese Grausamkeiten nicht. Er zeigt, wie die Folterknechte Elser glühende Schraubenzieher unter die Fingernägel schieben, wie sie ihn auspeitschen und bis aufs Blut quälen.

Dass Elser nach seinem Tod so lange nicht als Widerstandskämpfer anerkannt wurde, war für Hirschbiegel ein Grund mehr, dessen Leben zu verfilmen. "Dass so ein kleiner Handwerker aus dem Schwabenland als Einziger erkennt, was in Deutschland passiert, und etwas dagegen unternimmt - das ist beschämend", kommentiert der Regisseur. "Das weckt natürlich den Reflex, diese Geschichte unter den Tisch zu kehren."

Deutschland 2014, 110 Min., FSK ab 12, von Oliver Hirschbiegel, mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow.