Seine Schritte auf der Treppe sind federnd. Oben dann - ist er etwa ein ganz kleines bisschen kurzatmig„ Und - sieh doch mal genau hin - hat er nicht eine Ahnung von Bauch“ Trägt deswegen zum Gürtel in den dunklen Jeans die breiten roten Hosenträger?
Wie auch immer, auch Indianer werden älter. Dieser da, der Traumheld mehrerer Generationen von Indianergeschichten-Liebhabern, ist inzwischen 76 Jahre alt. Und ehrlich - im Gesicht sieht er immer noch aus wie damals, als er mit dunklem wehenden Haarschopf auf seinem Rappen zum Schatz im Silbersee über die Filmleinwände von mehr als 60 Ländern ritt. Also dann her mit den Indianergeschichten . . .

Von Winnetou-Rolle geprägt
Natürlich finden die sich auch auf den 462 Seiten seiner Autobiographie. Und natürlich liest Pierre Brice auch davon dem Publikum vor.
Die Geschichte zum Beispiel, wie der deutsche Produzent Horst Wendlandt in einem Berliner Restaurant dauernd zum Tisch von Brice herüber starrte, der die Blicke auf seine bildhübsche Begleiterin gemünzt meinte, deswegen beinahe einen Krawall vom Zaune brach, um dann zu erfahren, dass Wendlandt in ihm seinen Winnetou für den ersten deutschen Karl-May-Film gefunden hatte.
Oder die Geschichte über die Freundschaft zu Lex Barker, dem Darsteller des Old Shatterhand. Von Film zu Film wurde sie enger, auch wenn sie nach einem übermütigen Autorennen der beiden auf jugoslawischen Bergstraßen beinahe vor der Zeit zu Ende gegangen wäre.
Kein Zweifel bleibt auch an diesem Abend - die Rolle des Winnetou hat das Leben von Pierre Brice geprägt; der edle Indianer aus der Feder von Karl May wird für alle Zeiten mit dem Namen des Franzosen verbunden bleiben.
Aber auch das macht die Lesung aus der Autobiographie von Brice deutlich: Winnetou ist nicht der ganze Pierre Brice. Hinter Winnetou steht ein Mann, der ein spannendes und überaus engagiertes Leben geführt hat und dies noch tut.
Kindheit während des Zweiten Weltkrieges. Deutsche Truppen stehen in Frankreich. Keine Zeit, um eine sorglose Jugend zu erleben. Der halbwüchsige Brice hilft den Widerstandskämpfern als Bote, verhilft einem deutschen Oberst zu ehrenvoller Kapitulation, unterstützt einen dersertierten jungen deutschen Soldaten.

Er war im echten Leben Soldat
Als Brice diese Episoden vorliest, hält er mehrmals inne, streicht sich über die Stirn. Noch heute nach so vielen Jahren spürt man die Ergriffenheit des Mannes angesichts dieser Erinnerungen.
Auch wenn Brice später Marinesoldat wurde und zwei Jahre in Indochina kämpfte - Krieg ist und bleibt für ihn eine Sache, die mit Schrecken und Leid verbunden ist. Eine Sache, gegen die jeder, dessen Herz für Toleranz und Freundschaft unter den Völkern schlägt, etwas tun muss. Brice tut das.
Seine Zuhörer erfahren, dass er in den Jahren des Jugoslawien-Krieges gut zwei Millionen D-Mark an Spenden sammelte und von diesem Geld einen Hilfstransport für bosnische Kinder organisierte.
Die Rede ist an diesem Abend auch von den Auszeichnungen, die Brice bekommen hat. Eine Menge, Preise für filmkünstlerische Arbeit, sogar des Bundesverdienstkreuz erster Klasse.

Humanitäres Engagement
Darüber freut sich Brice, wie jeder Mensch das tun würde. Richtig stolz aber ist er auf die Auszeichnung mit dem Thomas-Morus-Ehrenpreis. Die humanistischen Gedanken des Engländers treiben Brice immer wieder an, Kindern in Not zu helfen - egal ob in Bosnien, in Kambodscha oder sonst wo auf der Welt.
Der Unicef-Botschafter Brice - so versichert er seinen Zuhörern - fragt bei seiner Arbeit nie nach der Nationalität. Er will einzig und allein helfen. Aus gutem Grund. Als die Lesung nach weit einer Stunde zu Ende geht, gibt Pierre Brice seinen Zuhörern noch dies mit auf den Weg: „Wenn ich einmal in die ewigen Jagdgründe eingehe, sagt man hoffentlich: Er war ein Mensch!“ Während Brice nach der Lesung sein Buch signiert, bestätigt ihm der eine oder andere derer, die sich um den Tisch drängen: „So wird es sein!“