Wie wird jemand Kunstsammler„ Thomas Lehmann aus Cottbus hat es auf ebenso einfache wie ungewöhnliche Weise geschafft: Er druckt sich die Grafik von Künstlern wie Hans Scheuerecker oder Chris Hintze selbst. „Darf der das““ , wird mancher verwundert fragen. Er darf. Thomas Lehmann betreibt nämlich seit der Wende eine Siebdruckerei, in der einige Künstler ihre Arbeiten anfertigen lassen. Von jedem Werk erhält der Drucker ein Belegexemplar. Hunderte sind schon zusammengekommen, sagt er. Allerdings sammelt der 43-Jährige nicht nur deswegen Kunst, weil er quasi an der Quelle sitzt; er interessiert sich schon seit Langem für sie.

Protest in der Kunstszene ausgelebt
Als Kind übte sich der gebürtige Cottbuser im Zeichnen. „In der Pubertät habe ich das dann aus dem Blick verloren“ , gesteht er. Musik und Mädchen seien nun wichtiger gewesen. Der Soundtrack von Thomas Lehmanns jungen Jahren ist in drei Kassettenregalen in seiner Küche archiviert: Rock von Led Zeppelin bis Jimi Hendrix, Punk und New Wave von den Dead Kenenedys bis zu den Einstürzenden Neubauten. In Ost- wie Westdeutschland war das in den 70ern und 80ern die Musik derjenigen, die dagegen waren - gegen die muffige Spießigkeit ihrer Umwelt.
Diese Einstellung hat Thomas Lehmann wieder zur bildenden Kunst zurückgebracht. „Protest wurde in Cottbus in der Kunstszene ausgelebt“ , berichtet er. Im Atelier von Hans Scheuerecker, der in den 80er-Jahren als Anarcho-Künstler Aufsehen erregte, hätten stets Punks und andere Alternative rumgesessen.
Auch Lehmann kommt mit Scheuerecker in Kontakt. Zu der Zeit schlägt er sich mit seinem Kumpel Peti von der Band Jack & the Soulrippers als Fensterputzer durch. Als Scheuerecker eine Ausstellung in der Oberkirche vorbereitet, ist das Geschick der beiden gefragt. Die Fensterputzer bekommen den Auftrag, die meterhohen Papierbahnen, auf denen der Künstler damals malte, in der Höhe des Kirchenbaus zu installieren.
Später stellt Hans Scheuerecker Thomas Lehmann als Atelierassistenten ein. Der Cottbuser, der als Kind den Spitznamen „Trümmel“ erhalten hatte, weil er so gerne Spielzeug zerlegte und dann nicht mehr zusammengeschraubt bekam, soll die Druckarbeiten des Künstlers erledigen. Weil er keine Ahnung von Siebdruck hat, belegt er einen Abendkurs beim Neuen Deutschland und schaut dem Magdeburger Profi-Drucker Uli Grimm bei der Arbeit über die Schulter.
Bald ist „Trümmel“ in der Lage, loszulegen. Einziges Problem: Die behördliche Genehmigung fehlt. Zu DDR-Zeiten, so Lehmann, sei nur Mitgliedern des Verbandes bildender Künstler erlaubt worden, eigene Grafiken oder Texte zu drucken. Angeblich wegen Materialmangel, in Wahrheit um die Kunstproduktion zu kontrollieren. Doch Scheuerecker hat mittlerweile seine eigene Verbandsaufnahme durchgeboxt. Seine Lizenz zum Drucken gilt auch für den Assistenten. Das spricht sich rum - bald überhäufen ihn Galerien mit Aufträgen. Grund der großen Nachfrage: „Arbeiten in einer offiziellen Druckerei mussten damals oft über ein Jahr im Voraus beantragt werden“ , erzählt Lehmann. „Deshalb kamen die Leute lieber zu mir.“
Zunächst arbeitet er mit provisorischen Apparaten, richtet sich dann nach der Wende eine professionelle Werkstatt an. Heute druckt Lehmann vor allem Werbung für Unternehmen, aber auch künstlerische Grafik ist immer wieder dabei. Die Sammlung des Cottbusers wächst, auch weil er manches - etwa Malerei - hinzu kauft.
Blick in „Trümmels“ Appartement, in dem sich die Lampen per Fernbedienung dimmen lassen. Thomas Lehmann bevorzugt es schlicht, fast streng: weiße Wände, helles Holz, Chrom, Spiegelglas, kaum Möbel, klare Linien, freie Flächen. Dazu passt seine Vorliebe für moderne Grafik. Naturalistisch-figurative Malerei mag er nicht so, sagt Lehmann. Die Wände in Flur und Schlafzimmer schmücken Arbeiten von Ex-Sandow-Musiker Chris Hintze und natürlich Scheuerecker: Durchweg Gesichter, „Gesichte“ , heißt das bei Hans Scheuerecker, schwarz-weiß, aufs Wesentliche reduziert.

Geprägt von der späten DDR
Farbtupfer setzen Malereien von Dieter Zimmermann und Rainer Zille. Beide zeigen Menschen oder Gegenstände, lösen diese aber in Muster und Linien auf, sodass die Arbeiten beinahe abstrakt wirken. Trümmel schmunzelt über die Bildunterschrift eines labyrintischen Zimmermann-Werkes: „Der sogenannte Maler Zimmermann im sogenannten Atelier“ . Ironie gegenüber gesellschaftlichen Zuschreibungen.
Thomas Lehmann sammelt fast ausschließlich Künstler, die er persönlich kennt oder die wie er von der späten DDR geprägt wurden. „In deren Humor und Lebensgefühl erkenne ich mich wieder“ , sagt er.