ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 16:13 Uhr

Der Mann, der mit Fahrrad aus dem Zug steigt

Matthias Körner probiert aus, wie es einem Mann geht, der mit angeschlossenem Fahrrad aus dem Zug steigt.
Matthias Körner probiert aus, wie es einem Mann geht, der mit angeschlossenem Fahrrad aus dem Zug steigt. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus/Potsdam. Der schlitzohrige Titel des Romanprojekts "Der Mann, der mit einem angeschlossenen Fahrrad aus dem Zug steigt" erinnert ein wenig an den "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg". Matthias Körner nimmt das als ein gutes Omen. Vielleicht wird sein Roman aus der Lausitz auch einmal (fast) so viele Leser haben wie der Bestseller von Jonas Jonasson. Ida Kretzschmar

Eine Hürde jedenfalls hat er schon genommen. Die Idee überzeugte die Jury, die in jedem Jahr über die Vergabe der Kunst-Förderpreise des Landes Brandenburgs zu befinden hat. Der 60-jährige Autor Matthias Körner, in Illmersdorf, einem kleinen Dorf im Spree-Neiße-Kreis beheimatet, ist der einzige Künstler Südbrandenburgs, der diesen Preis am Montag in Potsdam erhält.

Die Jury schätzt die "unermüdliche wie eindrucksvolle Stimme aus der Lausitz", heißt es in der Begründung. In Romanen, Erzählungen, Essays, Drehbüchern, Theaterstücken, Hörspielen und Features widme sich der bereits mehrfach ausgezeichnete Autor immer wieder neu Leben und Geschichte(n) in seiner vom Braunkohleabbau geschröpften Heimatregion. Dabei liegen ihm Menschen und Schicksale der sorbischen und wendischen Minderheit besonders am Herzen.

Auch in seinem neuen Romanprojekt geht es um Heimatverlust und Identitätssuche, schreibt er gegen das Verschwinden von Lebenshaltepunkten an. Dabei weiß er besser als seine Protagonisten: "Die Vergangenheit ist nicht konservierbar, aber sie kann gedeutet, manchmal auch umgedeutet werden." Wieder ist die Lausitz in ihrer herben Poesie Schauplatz des Geschehens. Ein kaum noch benutzter Haltepunkt in einer Stadt, die Körner absichtsvoll Neustadt nennt, auf einen Kultroman von Brigitte Reimann anspielend. Dort also steigt ein Mann aus einem Zug. Kommt förmlich aus dem Nichts. Das Seltsame daran: mit einem angeschlossenen Fahrrad. Die Sache wird sich nach und nach aufklären, zumal der Wirt der "Gletscherklause", in der der Mann absteigt, argwöhnt: "Eener, der sein Fahrrad trägt. . ." Einst hieß die Kneipe "Lindenklause". Der Wirt Nepila hat sie umbenannt: "Die Stadt ist wie ein Gletscher. Erst hat sie sich ausgedehnt und alles weggeschrubbt, das alte Dorf, das hier stand, und nun zieht sie sich zurück", heißt es auf einer der ersten Romanseiten, in denen uns der Autor schon einmal blättern ließ.

Spaßeshalber hat er es schon selbst ausprobiert, wie es ist, aus einem Zug auszusteigen, mit einem angeschlossenen Fahrrad. Auch wenn er es sich dafür borgen musste. Der in Bernsdorf in der Nähe von Hoyerswerda aufgewachsene Autor will wissen, wie die Menschen sich fühlen, über die er schreibt. Und er kennt den Schauplatz des Romans gut, auch wenn er ihn nur vage verortet. Er weiß, dass einst Goldgräberstimmung das ursorbische Dorf Zeißig in Bedrängnis brachte. Heute ist der angriffslustige Abrissbagger selbst in der Stadt, die schon voller hohläugiger Fenster ist. Die Kneipe und die Leute haben die Zeit überstanden - als Findlinge. Und so ist für Körner die Kneipe der Ort, wo sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen.

"Und da geht es natürlich nicht nur bierernst zu, da ist Aberwitziges und Groteskes mit im Spiel, selbst, wenn ernste Dinge verhandelt werden", verrät der 60-Jährige. Schon bei anderen literarischen Gelegenheiten ist ihm seine Fähigkeit bescheinigt worden, mit leisem Humor den Lebenswitz der Kleinen Leute authentisch eingefangen zu haben.

Das Leben lacht ihm ja selbst ins Gesicht, auch wenn ihm nicht immer gleich zum Lachen zumute ist. Kurz nach der Wende wollte Defa-Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf Körners Roman "Totenkeule", den er 1988/89 schrieb, verfilmen. Plenzdorf hatte das Filmszenarium schon fertig. Da nahm Ulrich Thein, der Regie führen sollte, das Buch mit nach Hause. Doch ehe er es sich versah, fraß es sein Hund einfach auf, gibt Körner zum besten. Freilich ist diese Episode nicht wirklich schuld daran, dass es diesen Film nicht gibt. Mit hintergründigem Humor werden im Buch Fehlentwicklungen der DDR-Landwirtschaft beschrieben. "Da, wo ,Ole Bienkopp' aufhörte, begann mein Roman eigentlich erst. Aber die Zeit ging damals über vieles rigoros hinweg", erinnert sich Körner ohne Bitternis.

Auch in den folgenden Jahren widmete sich der Autor, der Landwirtschaft studiert hat und das Schreiben am Literaturinstitut Leipzig, Themen, die gegen den Strich bürsteten. Sein "Und führe uns nicht in Versuchung" einer Fernsehreihe zum Vaterunser wurde Anfang der 90er für ein katholisches Filmfestival in Polen nominiert.

Immer wieder geht es um verantwortlichen Umgang mit der Landschaft, die den Menschen anvertraut ist, um "schleichende Flut", Geschichte von Domowina und Gartendenkmalpflege. . .

"Kein letzter Tag" hieß sein im Staatstheater Cottbus uraufgeführtes Stück. "Es soll allerdings noch lange nicht das letzte Wort sein, das ich fürs Theater geschrieben habe", hat Körner schon wieder Neues im Sinn.