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| 08:12 Uhr

Der Mahner Botho Strauß übt sich als Kulturpessimist

Der Datenskandal bei Facebook erhitzt die Gemüter. In diesen Erregungszustand platzt das neue Buch von Botho Strauß mitten hinein. Lange schon übt der Schriftsteller sich als Mahner und warnt vor blindem Fortschrittsglauben. Nur kümmerte das zuletzt kaum noch jemanden, wird Botho Strauß in den Medien doch nahezu stigmatisiert. Oft wurde er in die rechte Ecke geschoben. Welf Grombacher

Der Datenskandal bei Facebook erhitzt die Gemüter. In diesen Erregungszustand platzt das neue Buch von Botho Strauß mitten hinein. Lange schon übt der Schriftsteller sich als Mahner und warnt vor blindem Fortschrittsglauben. Nur kümmerte das zuletzt kaum noch jemanden, wird Botho Strauß in den Medien doch nahezu stigmatisiert. Oft wurde er in die rechte Ecke geschoben.

Seit seinem heftig umstrittenen Essay "Anschwellender Bocksgesang", der vor fast genau 25 Jahren erschienen ist, bewegte sich dieser große Einzelgänger der deutschsprachigen Literatur nicht mehr so nahe am Puls der Zeit wie in seinem aktuellen Buch "Der Fortführer". In kurzen Texten, die von der Form her zwischen Gedicht, Aphorismus und Prosa einzuordnen sind, schreibt der 1944 in Naumburg Geborene über seine Beobachtungen - mit dem provokanten Blick des Philosophen. Erneut beweist er, was für ein exzellenter Beobachter er ist und was für ein feines Gespür für Formulierungen er besitzt.

Erneut gibt er sich als Kulturpessimist, beklagt den Sprachverfall und die blinde Technikgläubigkeit seiner Mitmenschen. In der U-Bahn ist er der einzige, der um sich blickt und die in ihre Tablets und Smartphones vertieften Fahrgäste sieht. "Der Grundnerv des Aufmerkens, der primitiven menschlichen Neugier gegenüber dem Begegnenden, ein Rest von Gefahreninstinkt, scheint nun betäubt oder schon abgestorben. Blickes Tod. Allein das Lächeln erhält sich hier und da. Es gilt bei gesenktem Kopf der Nachricht auf totem Display."

Sicher, das ließe sich alles auch einfacher sagen, nicht so altertümlich, weniger pathetisch. Doch Strauß verweigert sich bewusst dem, wie er es nennt, "Kurz- und Magerdeutsch" der Gegenwartsschriftsteller, deren Hauptsorge nur der "eigenen Originalität" und der "Zeitgeistnähe" gelte. Klar ist das elitär - aber legitim. Er kritisiert Innovationsglauben und Opportunismus.

In der Tradition von Jacob Burckhart, Friedrich Nietzsche und Ezra Pound gibt er den mahnenden Zivilisationskritiker. "Im Sturz aller fühlen sich alle geborgen", heißt es dann. "Denn alle, das ist ein Nest und ein Netz."