Den Geburtstag feiert er standesgemäß mit einem Kammerkonzert im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. Unter der Leitung von Lothar Zagrosek spielt unter anderem Sanderlings Sohn Michael eine Cello-Sonate von Johannes Brahms.
Sanderling gilt als der letzte seiner Generation der großen Dirigenten. „Ich habe in den letzten Jahren den Taktstock mit dem Gehstock vertauscht“, sagt er heute gelassen. Jetzt liest und studiert er Partituren „zu meiner reinen Freude“. Sanderlings Repertoire war reich. Er bevorzugte „weltschmerzliche, philosophisch tiefe, aber innerlich zerrissene Musik“, bescheinigten ihm Zeitgenossen.
Der in Arys (Ostpreußen) in einer jüdischen Familie geborene Sanderling wurde 1935 aus Nazi-Deutschland ausgebürgert und emigrierte in die Sowjetunion. In dem Land, dem er sein Leben verdankt, musste er auch mit ansehen, was stalinistischer Terror heißt. Neben dem berühmten Jewgenij Mrawinski hatte Sanderling in der Leningrader Philharmonie große Anerkennung erworben.
In Ost-Berlin gab er von 1960 bis 1977 als Chefdirigent des jungen Berliner Sinfonie-Orchesters (BSO) seine musikalischen Vorlieben weiter. Manche Musikkritiker fanden, er habe den Auftrag, aus dem eher zweitrangigen Sinfonieorchester ein musikalisches Aushängeschild der DDR zu machen und damit so etwas wie eine Antwort auf die Berliner Philharmoniker mit einem Herbert von Karajan im Westen zu geben, mit Bravour erfüllt. Schon vor der Maueröffnung schätzten die Berliner Philharmoniker Sanderlings Qualitäten. Er musizierte auch mit den großen amerikanischen Orchestern und wurde in Kopenhagen, Zürich, Wien, Paris oder Tel Aviv gefeiert. 1995 ernannte ihn das Londoner Philharmonia Orchestra zum Ehrendirigenten.
Der Musiker mit einer gediegenen Klavierausbildung arbeitete in Berlin noch mit Wilhelm Furtwängler und Erich Kleiber zusammen. Hitlers Machtantritt zerstörte alle seine Hoffnungen. Er entschied sich 1935 für eine Flucht in die Sowjetunion, wo er 1941 zum ständigen Dirigenten der Leningrader Philharmoniker berufen wurde. Nach dem Krieg nach Ostdeutschland zurückgekehrt, öffnete er seinen Berliner Sinfonikern internationale Konzertsäle wie in Salzburg und Tokio.