Das Holz, in das HAP Grieshaber seine Figurenwelten schnitzte, scheint zu neuem Leben erweckt. Mit sicherer Klinge riss der streitbare Schwabe scharfe Konturen, schuf Rinnsale, trennte Licht von Schatten, verhalf dem Medium zu einer Art Auferstehung. Manche, die Helmut Andreas Paul Grieshaber, so sein voller Name, kannten, meinten, dass vom Künstler selbst etwas Holzschnittartiges ausgehe. Das war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der er wie kein anderer den Holzschnitt revolutionierte und in nie gesehene Bildwirkungen und Formatgrößen steigerte. Pointierte AuswahlAm 15. Februar wäre er 100 Jahre alt geworden. Das Kunstforum der Berliner Volksbank hat das Jubiläum zum Anlass genommen, mit einer pointierten Auswahl von siebzig Arbeiten auf zwei wichtige Pole in Grieshabers Werk aufmerksam zu machen: "Zeitgeschehen und Natur". Im Fokus steht der engagierte Künstler, dessen Entwicklungsprozess von der Zeit "Unter dem Hakenkreuz" bis zu seinem Tode 1981 auf der Achalm nachvollzogen wird. Der Berg über Reutlingen wurde für den Menageriehalter von Hängebauchschweinen, Fjordpferden, Siamkatzen, Ponys und Fasanen Refugium, naturnahes Atelier und Inspirationsquelle. Am Beginn seines Weges stand eine Schriftsetzerlehre und das Studium der Gebrauchsgrafik. Holzschneider Der letzte Abschnitt der chronologisch aufgebauten Präsentation erzählt vom "Ende des Gutenberg-Zeitalters", in dessen Tradition sich Grieshaber als Holzschneider und Drucker sah. "Drucken ist ein Abenteuer. Ich hab`s gewagt, sagt der bedruckte Bogen . . .". Auf einem Blatt sieht er die Handpresse in der "Verwahranstalt" abgestellt. Lichtdruck und Computersatz haben sich durchgesetzt. "Der Holzschnitt ist elitär geworden", resümiert Grieshaber. Sein Publikum rekrutiert sich nun aus Kennern und Sammlern. "Maigre tout", das mutige Trotz allem, durchzieht sein ganzes Schaffen. "1933 wollte ich nach der ersten Beschlagnahmung etwas machen, von dem man mehr Originale hat, als sie einem wegnehmen konnten." Das war nach der von den Nazis erzwungenen Rückkehr aus Griechenland, als er sich als Hilfsarbeiter und Zeitungsausträger durchschlagen musste. In den "Reutlinger Drucken" unterlief er das über ihn verhängte Berufsverbot und besetzte die propagierte Blut- und Bodenideologie mit einer unpathetischen Sicht auf Heimat und Scholle, in der Gau-Romantik ebenso wenig Platz hatte wie Rasse, Volk und Stamm. Mit der Darstellung des alttestamentarischen Dulders Hiob konterkarierte er geradezu waghalsig den von Hitler beschworenen "leuchtend schönen Menschentyp".Im Jahr des Kriegsausbruchs entsteht der Holzschnitt "Frieden" mit entblätternden Bäumen und dem Lamm vor einer herzförmigen Pflanze, eine Szene von zarter Poesie und düsterer Vorahnung. Zwei Jahre später hat ihn mit dem Holzschnitt "Im Krieg zerschossenes Kruzifix" die blutige Realität eingeholt. Der Hungerwinter im Nachkriegsdeutschland von 1946/47 schlägt sich in einem halben Dutzend ausgezehrter Linienholzschnitte nieder. In den zwei Jahrzehnten danach vollzieht der Künstler eine Wende zu Themen der großen Politik, verurteilt die von den Sowjets ausgelöste Berlin-Blok-kade (1948/49) ebenso wie die Wiederbewaffnung, setzt sich mit dem Korea- und Vietnamkrieg auseinander und sieht in der Kunst eine Chance, "den Zement der Teilung zu verflüssigen", wie es Kurator Manfred Schneckenburger formuliert, im Sinne von "Wandel durch Annäherung". Dass er in Ost wie in West ausstellte und eine zeitlang korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste der DDR war, ist noch heute für manche Stein des Anstoßes. (HAP Grieshaber 100 - Zeitgeschehen und Natur", Kunstforum der Berliner Volksbank, Budapester Str. 35, Charlottenburg, bis 19. April tägl. 10 bis 18 Uhr, Tel. 030/30 63 15 20)