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| 22:10 Uhr

Konzert
Von Friemeln, Beschmuh, Diggnischln

 Tom Pauls singt und tanzt am 25. Juni im Amphitheater Senftenberg.
Tom Pauls singt und tanzt am 25. Juni im Amphitheater Senftenberg. FOTO: Robert Rentzsch
Senftenberg. Der leidenschaftliche Sachse singt und tanzt am 25. Juni im Amphitheater Senftenberg.

Im April feierte er seinen 60. Geburtstag, am vergangenen Sonnabend sein 50. Bühnenjubiläum vor der ausverkauften Jungen Garde in Dresden und am 25. Juni wird er im Amphitheater am Senftenberger See zu Gast sein: Tom Pauls. Der Schauspieler, Kabarettist, Musiker, Moderator und leidenschaftliche Sachse im RUNDSCHAU-Gespräch.

60 Jahre und 50 davon auf der Bühne. Sie haben zeitig angefangen.

Pauls  Ja, ich hatte als Kind Klavier- und Gitarrenunterricht und war seit meinem siebten Lebensjahr im Rundfunkkinderchor in Leipzig. Mit ihm hatte ich meine erste große Bühne und war sogar 1969  in der Fernsehsendung  „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ (beliebte und hochkarätige Gala für die ganze Familie im DDR-Fernsehen am Vormittag des 1. Weihnachtsfeiertages im d.A.).

Seit dieser Zeit ist eine lange Liste an Stücken und Programmen in Theater, Film und Fernsehen zusammen gekommen. Aktuell werden mehr als 30 verschiedene Programme auf Ihrer Website aufgezählt. Sie leiten Ihr eigenes Theater in Pirna, das bei Ihren Vorstellungen fast immer ausverkauft ist, und Sie fahren auch noch, wie jetzt ins Senftenberger Amphitheater, zu Gastspielen. Wie schaffen Sie das alles?

Pauls Das frage ich mich auch manchmal. Aber ich habe ein heiteres Gemüt, und es macht mir einfach Spaß. Ich empfinde bei der Arbeit keinen Stress, sondern Vergnügen. Ich mache das einfach unheimlich gern.

Freunde nennen sie ein Energiebündel, ihre Frau sagte im MDR-Porträt anlässlich Ihres 60., „der wird morgens an- und abends abgestellt“.

Pauls  Nach drei Tagen Ostsee-Urlaub sagt sie sogar: „Ich halte das nicht mehr aus, such dir bitte eine Bühne.“ Und das mach ich dann auch. Die Seebühne Hiddensee zum Beispiel.

War der 26. April, der Tag an dem Sie 60 Jahre wurden, ein Tag zum Innehalten oder  war das eher der 1. Januar 2016, als in der Sächsischen Schweiz ein Felsen abbrach, unter dem  Sie wenige Minuten zuvor  noch gestanden hatten?

Pauls Es gibt schon Momente zum Innehalten. Gerade auch an meinem Geburtstag, an dem auch mein jüngster Sohn Konstantin 22 Jahre alt wurde, da denke ich schon mal über das Leben nach, zumal ich ja jetzt auch schon zweimal Opa bin. Aber eine wirkliche Zäsur ist das alles nicht. Das Leben geht weiter, und auch wenn es abgedroschen klingt: Man ist so jung wie man sich fühlt.

Offenbar haben Sie aber einen guten Draht zum Gemüt der älteren Generation, wie Ihre Ilse Bähnert zeigt. Wieviel Tom Pauls steckt in der sächselnden Ilse Bähnert?

Pauls Ilse Bähnert  basiert auf einer Figur nach Lene Voigts, der sächsischen Mundartdichterin. So gesehen ist es eine Kunstfigur, die ich seit 1991 auf die Bühne bringe. Aber sie hat auch etwas mit meiner Biografie zu tun.  Zu 50 Prozent ist sie wie meine Großmutter, dann zum großen Teil aus einer nicht genannten Nachbarin meiner Leipziger Zeit und natürlich aus Beobachtungen der Mitmenschen erwachsen. Meine Persönlichkeit steckt da nicht drin, ich verwandle mich erst in sie, wenn ich in der Garderobe vorm Spiegel sitze, die Perücke aufsetze und die Klamotten anhabe. Dann ticke ich auch wie Ilse Bähnert, bewege mich so und sage Dinge, die mir als Tom Pauls nicht einfallen würden. Das ist verrückt und wundert mich oft selbst.

Mit „Ilse Bähnert“ waren Sie  2013 im Amphitheater, davor mit „Ostalgie“ mit Uwe Steimle, auch mit dem Zwinger-Trio und anderen Programmen. Bei Ihrem jetzigen siebenten Auftritt am See heißt es „Café Zizibambula“. Was erwartet die Zuschauer?

Pauls Das ist eine Revue mit Liedern der 20er-Jahre. Mit irrwitzigen Texten wie „Was will der Maier am Himalaya?“, „Wer hat bloß den Käse zum Bahnhof gerollt?“ oder „Wie kommt der Lippenstift in Lehmanns Unterbett?“  Den Titel Zizibambula hat die Revue einem Schlager von Fred Raymond zu verdanken: „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“. Zizi Bambula ist in diesem Schlager ein Kannibalenhäuptling. Regie führt meine Schwester, die Choreografin Irina Pauls. Mit mir wird Beate Laaß tanzen und singen, ebenso wie das Freddie-Ommitzsch-Studio-Ensemble. Zu dem gehören auch meine Söhne Max und Felix. Diese Band um Benjamin Rietz, den die Senftenberger schon aus einigen Inszenierungen kennen dürften, wird übrigens mit einem bei uns im Theater immer ausverkauften „Beatles Revolved“  Anfang Juli auch im Ampitheater spielen.

Zufrieden mit dem Nachwuchs?

Pauls Na und ob. Meine Jungs sind 35, 27 und 22 – und alle drei für Theater und Musik begeistert. Das macht mich sehr glücklich. Irgendwann muss ich ja auch mal darüber nachdenken, wie es mit meinem 2011 gegründeten Tom-Pauls-Theater in Pirna weitergeht.

Noch einmal zum Café Zizibambula. Worin liegt Ihrer Meinung nach der Reiz dieser 20er-/30er-Jahre-Lieder, mit denen ja auch Max Raabe sehr erfolgreich ist?

Pauls  Ich denke, es ist die Absurdität dieser Titel, die aus einem Gefühl erwächst, das die Traumatisierung der Menschen zwischen den beiden Kriegen widerspiegelt, so zwischen Rausch und Kriegsgräuel, wo alles infrage gestellt wird, so ein gesellschaftlicher Wahnsinn  herrscht, mit Verrücktheiten und viel Humor, bei dem einem dennoch manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt. Manches von diesem Gefühl begegnet einem heute wieder, und das erschreckt mich auch.  Dennoch: Es wird ein sehr heiteres Programm.

Friemeln war das beliebteste, Beschmuh das schönste, dowiern (für  quengeln und nerven) das am meisten bedrohte und  Diggnischl (für einen Mann, der unbedingt seine Meinung durchsetzen will) das Schimpf-Wort unter den sächsischen Wörtern des Jahres 2018. Sie küren diese alljährlich mit der Ilse-Bähnert-Stiftung, die Sie gegründet haben, obwohl ganz Deutschland über die sächsische Sprache lacht.

Pauls Wir Sachsen nehmen uns nicht allzu ernst. Die Stiftung dient der Erhaltung und Pflege der sächsischen Sprache und Kultur. Wir sind zwar in vieler Hinsicht der Prügelknabe der Nation, begegnen dem aber mit Humor. Damit wir uns richtig verstehen: Wir meinen nicht die verluderte Sprache von Pegida und anderen unappetitlichen Geschichten, mit denen die Sachsen mitunter gleichgesetzt werden. Es gibt eine Verrohung der Gesellschaft, nicht nur in Sachsen und nicht allein in der Sprache.  Zu meiner Verwunderung  ist das oft sogar bei den Alten zu erleben. Ich nenne es „Altersverbösung“, wobei mir völlig unklar ist, warum viele so böse, böser als die Jungen,  geworden sind und sich oft nicht manierlich benehmen können. Unfassbar, wie sich manche im Theater aufführen, wie andernorts Ordnungshüter oder Rettungskräfte angegriffen werden oder sich, wie vor einem Jahr in  Arnsdorf geschehen, Rentner gegenseitig totfahren. So ist der Sachse nicht.

Wie ist der Sachse?

Pauls Sicherlich regional verschieden, aber meist versöhnlich, gemütlich, nicht gewalttätig, weich – aber eben leider auch nicht sonderlich konflitkfähig.

Cafè Zizibambula, 25. Juni 2019, 20 Uhr, Amphitheater am Senftenberger See. Karten im Vorverkauf für 29 Euro unter www.theater-senftenberg.de, an der Theaterkasse im Besucherzentrum, unter Telefon 03573 801286 oder in den bekannten Vorverkaufsstellen.

 Tom Pauls singt und tanzt am 25. Juni im Amphitheater Senftenberg.
Tom Pauls singt und tanzt am 25. Juni im Amphitheater Senftenberg. FOTO: Robert Rentzsch