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Der kurze Weg zum Fanatiker

"Michael Kohlhaas" mit Michael von Bennigsen (l.), Kristin Muthwill und Mathias Kopetzki
"Michael Kohlhaas" mit Michael von Bennigsen (l.), Kristin Muthwill und Mathias Kopetzki FOTO: M. Kross
Cottbus. Heinrich von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas" feiert am Staatstheater Cottbus in der Bühnenfassung von Moritz Peters Premiere. Renate Marschall

Wie bringt man einen Stoff, so dicht und als Novelle geschrieben - nicht dialogisch also - zudem die wundervolle Sprache Kleists erhaltend auf die Bühne? Regisseur Moritz Peters, der unter anderem am Theater in Frankfurt am Main engagiert war und seit 2013 freischaffend arbeitet, hat dafür eine praktikable Inszenierungsidee gefunden. Er lässt die Geschichte durch die drei Schauspieler Kristin Muthwill, Mathias Kopetzki und Michael von Bennigsen erzählen. In größeren Passagen, die zugleich als Text auf die Wand projiziert werden, kommt Heinrich von Kleist selbst zu Wort. Auch Kohlhaas' Rappen, an denen sich die ganze üble Mordsgeschichte entzündet, Schlagbäume und Stadtsilhouetten erscheinen als Scherenschnitte an der Wand und illustrieren die Handlung.

Mit ihrem Bühnenbild schafft Lisa Marie Wehrle einen Raum, in dem es zunächst in geordneten Bahnen zugeht: Rote Quader bilden eine Art Mauer mit innen und außen, sind zugleich aber auch verwinkelter Weg, auf dem die Schauspieler agieren, bis schließlich diese Ordnung verwüstet wird.

Kleine Ursache, große Wirkung könnte man sagen. Bei genauerem Hinsehen steckt das ganze Dilemma unserer Welt darin.

Kleists 1810 veröffentlichte Novelle spielt im 16. Jahrhundert. Der Rosshändler Michael Kohlhaas, ein unbescholtener, angesehener Bürger, macht sich im Brandenburgischen auf, um in Sachsen zwei seiner wertvollen Reitpferde zu verkaufen. Die Reise wird abrupt unterbrochen. Auf der Burg des Junkers Wenzel von Tronka wird ihm ein Passierschein abverlangt, um die Grenze nach Sachsen - Folge der Kleinstaaterei - überschreiten zu können. Noch nie hatte der Pferdehändler von solch einem Passierschein gehört, versprach aber frohen Mutes, ihn beizubringen, wenn er denn nach Dresden ziehen dürfte. Nach einigem Verhandeln wurde ihm das gewährt. Allerdings müsse er seine beiden Rappen als Pfand hinterlassen. Zu deren Pflege ließ Kohlhaas seinen Knecht zurück. In Dresden angekommen erfährt der Pferdehändler, dass es den geforderten Passierschein tatsächlich nicht gibt. Nichts Gutes ahnend kehrt er zur Tronkenburg zurück. Er findet seine Pferde abgemergelt und geschunden vor. Sein Knecht hat es, misshandelt und davongejagt, gerade so nach Hause geschafft.

Kohlhaas ist empört und er will seine Pferde zurück - in dem Zustand, in dem er sie zurückgelassen hatte. Von Tronka aber weigert sich. Auf Recht und Gesetz vertrauend reicht Kohlhaas beim Kurfürsten von Sachsen Klage ein, scheitert aber an Tronkas Beziehungen zum Hof. Wieder und wieder versucht er es, um schließlich zu begreifen: Nicht jeder ist vor dem Gesetz gleich.

Nichts als Gerechtigkeit will er. Und der Mann ist so weit, jeden Preis dafür zu zahlen. Er schart Männer um sich, um den Junker zu jagen. Gerechtigkeit - die öffentliche Meinung ist auf seiner Seite.

Brandschatzend und mordend ziehen seine Horden durch die Lande. Kohlhaas wird zum Politikum. Der Kurfürst von Brandenburg mischt sich - eigene Interessen verfolgend - in die Geschichte ein, verspricht einen fairen Prozess. Der endet damit, dass Kohlhaas seine Rösser wohlgenährt zurückbekommt. Für seine begangenen Verbrechen aber wird er zum Tode verurteilt. Alles hat er verloren, Frau, Kinder, Vermögen, Ansehen - das Leben. Und die Gäule interessieren am Ende nicht mehr.

Kleine Ursache. Was hat diesen treuherzigen Menschen dazu gebracht, sich so zu radikalisieren, alle Menschlichkeit fahren zu lassen, fanatisch einem Ziel nachzujagen? Dieser Frage geht die Inszenierung nach. Steckt das in jedem? Die Schauspieler springen von der einen in die andere Rolle, haben eben noch das Gesetz vertreten und sind im selben Augenblick Gesetzlose. Das wird großartig gespielt. Vor allem Kristin Muthwill, die auch Kohlhaas' Frau verkörpert, gelingt das nuancenreich. Ihr sind die wenigen emotionalen Momente der Aufführung zu danken. Selbst wenn es ansonsten auf der Bühne durchaus mal zu Sache geht, sind Gefühle wie Verzweiflung oder Ratlosigkeit wenig spürbar. Eher sachlich betrachtet die durchaus überzeugende Inszenierung einen Vorgang.

Mit Videobotschaften, wie man sie vom IS kennt, zieht Moritz Peters den mittelalterlichen Stoff ins Heute. Es wäre nicht nötig gewesen, um zu zeigen, wie leicht es ist, auf der Suche nach Gerechtigkeit, oder dem, was man dafür hält, zum Fanatiker zu werden. Ob es nun um einen tödlich endenden Nachbarschaftsstreit oder die Brennpunkte dieser Welt geht. Kleist beschrieb Kohlhaas als einen "der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit". Er hat die Zeit überdauert.