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| 17:53 Uhr

Der Kindheitsberg ist verschwunden

Irene Teichmann hatte zur Senftenberger Lesung ein Plakat der Kohlelobby unter der Überschrift "Meine Stimme fürs Revier" mitgebracht. Ihre Stimme gehört dagegen dem Erhalt der Lausitzer Landschaft.
Irene Teichmann hatte zur Senftenberger Lesung ein Plakat der Kohlelobby unter der Überschrift "Meine Stimme fürs Revier" mitgebracht. Ihre Stimme gehört dagegen dem Erhalt der Lausitzer Landschaft. FOTO: Torsten Richter/trt1
"Ein Berg verschwindet, sang- und klanglos, und doch – weithin hörbar – mit Donnern und Grollen." Mit diesen düsteren Zeilen stimmt Irene Teichmann auf ihr neuestes Werk ein. "Unbehütete Landschaft – acht Kapitel Lausitzer Heimatkunde" ist keinesfalls eine Beschreibung der Heimat und ihrer Geschichte. Es handelt sich aber auch nicht um einen Roman oder um eine Autobiografie. Eher um alles auf einmal. Torsten Richter / trt1

Senftenberg. Der Berg, den Irene Teichmann im ersten Kapitel beschreibt, existiert. Und direkt an seinem Fuß stand ihr Elternhaus. Inzwischen ist der Koschenberg, so der Name der einstmals 176 Meter hohen Erhebung durch einen riesigen Steinbruch weitgehend verschwunden. Und Irene Teichmann, die im Buch auf den Spuren ihrer Familie bis ins Jahr 1875 wandelt, lebt seit vielen Jahren im Fränkischen. Und doch ist die einstige Landmarke im Leben der heute 63-Jährigen dauerhaft präsent. "Den Koschenberg betrachte ich als Sinnbild für das Lausitzer Ungleichgewicht zwischen Verlust und Gewinn", erklärt Irene Teichmann während ihrer Buchlesung an der Neuen Bühne Senftenberg. Gewinn durch die vielen Arbeitsplätze und durch die Grauwacke. Verlust wegen des verschwundenen "Kindheitsberges", wie die Journalistin den heimatlichen Hügel liebevoll bezeichnet. Dabei stehe der Koschenberg nur als Symbol für die "Unbehütete Landschaft". Zwar hätten sowohl Vater und Großvater als tüchtige Bergleute ihr Geld in den Kohlengruben verdient, doch seien die Schäden durch die Tagebaue und ihre Hinterlassenschaften nach wie vor in großen Teilen der Lausitz unübersehbar. Oder wie es der fraktionslose Senftenberger Landtagsabgeordnete Gerd-Rüdiger Hoffmann (Linke) während der Diskussion ausdrückt: "Das Prinzip, das wir uns die Erde untertan machen sollen, ist heute überholt." Drastischer formuliert es der Senftenberger Stadtverordnete Norbert Philipp (Grüne): "Die Kohle hat nicht nur unsere Landschaft umgepflügt, sondern mindestens genauso intensiv unsere Traditionen, unser gesamtes Kulturgut."

Doch Irene Teichmann erntet auch Widerspruch: "Wir sollten nicht so tun, als ob die Lausitz ausschließlich ein geschundenes Land wäre. Schließlich beschert uns die Braunkohle auch riesige Chancen", erklärt der Senftenberger Franz Britze. Plötzlich dreht sich die Diskussion nur noch um das Pro und Kontra zum Ausstieg aus der Braunkohle. Irene Teichmann auf ihrem Podiumsstuhl wirkt müde. Bis jemand aus dem Publikum erklärt: "Ich habe Ihr Buch bereits gelesen. Was darin geschrieben wird, ist wohl wahr. Ich zumindest finde mich darin wieder." Die Autorin wirkt wieder hellwach. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Obwohl Irene Teichmann in der Nähe von Nürnberg lebt, sagt sie: "Ich bin noch immer eine von hier. Aber keine Bergbaufachfrau, sondern Kulturwissenschaftlerin und Journalistin."