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| 18:09 Uhr

Interview
Der Junge mit der rauen Stimme

 Rotzige Stimme, coole Songs: Henning May spielt am 9. Februar mit AMK im Glad House in Cottbus.
Rotzige Stimme, coole Songs: Henning May spielt am 9. Februar mit AMK im Glad House in Cottbus. FOTO: picture alliance / Jens Kalaene/ / Jens Kalaene
Cottbus. AnnenMayKantereit aus Köln ist die Band der Stunde. Das liegt vor allem an Henning May und seiner Stimme.

Diese Stimme kommt nicht vom Rauchen, er ist kein wilder Rebell, aber ein politisch denkender und handelnder Mensch. Auf dem Album „Schlagschatten“ singt er zu flirrenden Gitarren über vermeintliche Traumfrauen, chaotische Freitagabende und persönliche Dämonen. Die RUNDSCHAU will von Henning May wissen, wie man Songs mit Gänsehautfaktor schreibt, wie der Rechtsruck sein Denken verändert hat und wie er mit Hass-Posts umgeht.

 

Henning May, wie schreibt man authentische Songs mit hohem Gänsehautfaktor?

May Also, über den Gänsehautfaktor weiß ich nicht so viel. Aber wenn man authentische Lieder schreiben will, muss man ehrlich zu sich selbst sein, ohne sich zu verstellen. Man muss sich selbst gegenüber Dinge artikulieren können. Und dann muss man gucken, was das in einem auslöst. Bei mir geht es viel um Quantität. Ich muss einfach ganz viel schreiben, damit mir ein paar Sätze gefallen. Und von diesen Sätzen aus arbeite ich weiter. Ich schreibe ehrliche Lieder für mich, aber nicht so sehr über mich.

Wie kam es zu dem Song „Freitag“?

May Chris, Malte und Severin haben einfach Mucke gemacht und ich habe dazu einfach ein paar Zeilen in den Raum geworfen. Irgendwann habe ich gesungen: „In der Innenstadt fahren junge Männer Autos, die ihnen nicht gehören“. Da mussten wir alle lachen. Es war an einem Freitagabend, also haben wir einen kleinen Song über Freitagabende geschrieben: Über unsere Freunde, die im Gewerbegebiet Drogen kaufen. Über die Jungs in den dicken Autos, die damit irgendwas kompensieren.

Was haben Sie sich bei dem Text gedacht?

May Ein Kumpel meinte, der Text sei ein bisschen rassistisch: „Am Anfang in der Innenstadt fahren junge Männer Autos, die ihnen nicht gehören. Sie werden heute Nacht so oft auf die Familie schwören.“ Er wollte wissen, weshalb ich so über Türken reden würde. Da sagte ich zu ihm: „Sorry, aber das ist in deinem Kopf. Im Lied kommt es nicht vor. Ich denke dabei auch an Leute aus Bergheim mit meiner Hautfarbe, die viel ins Fitnessstudio gehen und Bock haben, mit einem dicken BMW durch die Innenstadt zu preschen, den sie sich nicht gekauft, sondern geleast haben. Wenn du dabei an junge Männer mit Migrationshintergrund denkst, dann ist das dein Rassismus in dir. Das hat nichts mit mir zu tun!“

Wie kommt es eigentlich zu solch rassistischen Klischees?

May Ich glaube, es hat etwas mit Filmen, TV-Serien und YouTube-Videos zu tun. Im Tatort sind die bösen Drogenschmuggler oft nicht die weißen Kartoffeln, sondern die persische oder türkische Großfamilie. Die fahren dann halt einen geleasten Mercedes. Und in YouTube-Videos begegnet man unheimlich vielen Männern wie Haftbefehl, Ufo oder Gringo. Die singen auf Deutsch mit einem Akzent und einem erkennbaren Migrationshintergrund darüber, wie geil sie Autos finden. Das ist ein Stereotyp, das sich verankert hat.

Wollen Sie mit Ihrer Musik auch Zustände in unserer Gesellschaft zum Ausdruck bringen?

May So eine eindeutige Intention würde ich nicht unterschreiben. Aber natürlich beschäftigt mich die Gesellschaft um mich herum enorm, weil ich in ihr leben muss. Ich singe besonders gerne über Dinge, die ich krass finde. Zum Beispiel den Freitagabend. Das Stereotyp vom Mann ist, stark zu sein und eine dicke Karre zu fahren. Das trifft auch auf viele zu, was ich echt krass finde. Es ist auch ein Lied über diese Blasen, in denen der Freitagabend stattfindet. Jeder zieht sein Ding für sich durch.

In welcher Stimmung haben Sie „Weiße Wand“ geschrieben – ein Song, in dem der Satz „Flüchtlingskrise fühlt sich an wie Reichstagsbrand“ vorkommt?

May Diese Zeile drückt eine ganz konkrete Angst aus. Nämlich die, dass wir in 30 Jahren über die Flüchtlingskrise so reden werden, wie man heute über den Reichstagsbrand redet: Die Rechten haben die Flüchtlingskrise so gut instrumentalisiert, dass sie dafür von vielen Seiten Sympathien bekommen. Das hat sie in die Lage versetzt, 25 Prozent der Bevölkerung zu stellen. Diese kleine Gruppe ist aber so radikal, dass der große Rest sich nicht mehr traut, Widerstand auszuüben. Zum Beispiel wurde das Konzert von Feine Sahne Fischfilet auf der historischen Bauhaus-Bühne in Dessau abgesagt aus Angst um das Weltkulturerbe. Die Polizei kann es nicht mehr unter Kontrolle haben, wenn so viele gewaltbereite Rechte kommen, um gegen eine linke Band zu demonstrieren. Daran sieht man, wie weit es schon gekommen ist.

Glauben Sie, dass ein Teil der Rechten noch zu retten ist?

May Ich kann natürlich nur mutmaßen. Wer AfD wählt, wählt halt AfD, und damit ist man auch irgendwie verloren. Interessant an dem momentanen Diskurs finde ich, dass viele dazu aufrufen, die AfD nicht zu wählen. Aber was bringt das denn? Jeder, der diese Partei wählen will, wählt sie auch! Es gibt nicht viele Leute auf der Kippe, die man auf diese Weise überzeugen kann. Dagegen zu sein, ist immer sehr leicht.

Was könnte man denn sonst noch tun?

May Viel schwerer ist der andere Schritt: zu sagen, wofür ich bin und welcher Gruppe ich mich zuordne. Was ist überhaupt politisch? Ist es überhaupt richtig politisch, auf eine Demo zu gehen? Oder ist politisch sein eher, sich für parlamentarische Prozesse zu interessieren? Oder vielleicht auch mal zu einer Europawahl zu gehen? Vielleicht auch mal im Freundeskreis Wahlkampf für eine Partei zu machen? Es ist ein riesiger Wust geworden, in dem unglaublich viele Leute sich auf die Position verkrochen haben, zu sagen: „Die AfD ist scheiße. Ich gehöre zu den Guten.“ Das finde ich sehr schade.

Leben Sie in einer Blase oder kennen Sie auch AfD-Wähler persönlich?

May Ich kenne Leute, die rechtes Gedankengut haben, persönlich, weil ich sehr fußballinteressiert bin. Ich habe Freunde, die aufgrund ihres Umfeldes und ihrer Sozialisation ein bisschen so denken. Es ist die Aufgabe des Freundeskreises, dieses Denken bei einem Kumpel Stück für Stück abzubauen, weil man ihn nicht fallen lassen will. Vielleicht ist er ja nur falsch gestartet. Natürlich lebe ich auch in einer Blase, aber da wir als Band uns in der vergangenen Zeit über die sozialen Medien geäußert haben, schreiben uns viele Leute sehr negative Nachrichten.

Was steht da drin?

May Unsere Haltung wird kritisiert und wir werden persönlich angegriffen. Viele Leute sind auch der Auffassung, dass ich homosexuell sei und machen ihrem Unmut darüber Luft. Daran merke ich, dass meine Blase durchlässig wird. In vielen YouTube-Kommentaren wird das Wort „schwul“ in einem negativen Zusammenhang benutzt, um uns zu beschreiben. Das ist krass.

Reagieren Sie darauf?

May Nein, das bringt nichts. Ich finde, man sollte lieber eine Grundhaltung zeigen. Wenn man soziale Medien benutzt, könnte man zum Beispiel ein Video drehen, in dem eine Regenbogenflagge zu sehen ist. Damit macht man allen Menschen durch die Blume klar, dass jeder leben kann wie er will. Einen Screenshot von den Hassnachrichten und -Posts zu machen, ist mir zu blöd. Damit gebe ich den Hatern eine Aufmerksamkeit, die sie gar nicht verdienen.

Kann man als deutsche Band spontan in Istanbul auftreten?

May Das haben wir gerade bewiesen. Sie können sich nicht vorstellen, wie dankbar die Leute waren und was für Nachrichten wir gekriegt haben. Die Leute im alternativen Viertel Kadikoy erzählten uns eigentlich alle das Gleiche: dass keine internationale Band mehr Bock hat, in Instanbul zu spielen. Die haben Angst vor Terror, vor Erdogan, vor einer aggressiven Stimmung, vor dem Islam. Ich glaube, das ist eine viel zu groß gedachte Angst. Die jungen Leute dort hoffen jetzt, dass unser Konzert ein erster Schritt war, dass wieder mehr Bands zu ihnen kommen.

Und wie war es für Sie persönlich?

May Für uns war es auch krass. Ich sitze da und denke: Hey, warum funktioniert Wikipedia nicht? Der türkische Staat hat die Seite einfach gesperrt. Auch die Tagesschau-App funktioniert nicht, aber man kann die Sendung online finden. Daran merkt man, wie der türkische Staat versucht, die Blase noch enger zu machen.

Istanbul war für uns eine Schwarz-Weiß-Erfahrung. Es gibt dort unheimlich liebe und offene Menschen, aber auf der anderen Seite auch Männer, die mich im Vorbeigehen auf Türkisch beleidigten, weil ich längere Haare habe.