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| 14:41 Uhr

Unabdingbare Verwurzelung in der Natur
Reinhard Stöckels Buchpremiere in Cottbus:  „Der Mongole“.

Lausitzer Lesart mit Reinhard Stöckel  (l.) und seinem neuen Roman „Der Mongole“ in der Cottbuser Stadt- und Regionalbibliothek. Hendrik Röder (r.) Leiter des Brandenburgischen Literaturbüros, moderierte.
Lausitzer Lesart mit Reinhard Stöckel  (l.) und seinem neuen Roman „Der Mongole“ in der Cottbuser Stadt- und Regionalbibliothek. Hendrik Röder (r.) Leiter des Brandenburgischen Literaturbüros, moderierte. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Der in der Lausitz lebende Autor Reinhard Stöckel feiert bei der Lausitzer Lesart mit „Der Mongole“ Buchpremiere. Von Renate Marschall

Buchpremiere am Donnerstagabend bei der Lausitzer Lesart, einer Gemeinschaftsveranstaltung von Brandenburgischem Literaturbüro, Lausitzer Rundschau sowie Stadt- und Regionalbibliothek Cottbus, zugleich Veranstaltungsort. Für eine passende musikalische Umrahmung sorgte Daniel Grunski, Schüler des Cottbuser Konservatoriums, mit seinem Akkordeon.

Reinhard Stöckel, in Thüringen geboren, von Hause aus Bibliothekar und IT-Spezialist, lebt seit vielen Jahren in der Lausitz. Hier spielt auch sein neuester Roman „Der Mongole“, der den Leser ein kleines Stück in die Zukunft führt und zugleich weit zurück an die Ursprünge menschlichen Seins und einer pantheistischen Weltsicht.

2025. Der Biologe Radik wird von seinem etwas schrulligen Professor in die Lausitz geschickt, um nach den Wölfen zu schauen, für die seit einiger Zeit das Abschussverbot aufgehoben ist. Tatsächlich aber begegnet der junge Mann, der sich eigentlich mehr für den fast ausgestorbenen fleischfressenden Sonnentau interessiert, seiner Familiengeschichte. Seine Mutter, die aus dieser Gegend stammt, empfiehlt ihm eine Pension, die sich als abgelegener Bauernhof entpuppt und die alte Frau, die ihn mit wachen Augen mustert, als seine Großmutter: „Du bist also ihr Sohn“. Er taucht in seine eigene Geschichte ein, die viel mit dem Mongolen, der keiner ist, zu tun hat. Vielmehr ist er ein Anfang der 1990er-Jahre desertierter Sowjetsoldat, dem es Dank seiner tuwinischer Wurzeln und der Naturnähe seines Volkes gelingt, in den Wäldern zu überleben. Ab und zu bedient er sich auch an den Vorräten der Bauern, die bald lieber freiwillig einen Korb an den Feldrand stellen – das „Mongolenopfer“. Radik erfährt von der tragischen Liebe seiner Mutter zu Sayan, wie der Fremde heißt.

Spannend, unterhaltsam, voller Überraschungen, mitunter satirisch, poetisch, sprachlich überzeugend erzählt Reinhard Stöckel seine Geschichte. Eine, die schon lange in ihm rumorte, wie er Hendrik Röder vom Literaturbüro an diesem Abend im Gespräch offenbart. Und sie hat mit seiner eigenen Vergangenheit zu tun. Als junger Mann gehörte er der Bereitschaftspolizei an, die unter anderem die Aufgabe hatte, entflohene Sowjetsoldaten aufzuspüren. In ihren einleitenden Worten hatte Bibliotheksmitarbeiterin Uta Jacob auf die Umstände verwiesen, unter denen die 400 000 bis 500  000 sowjetischen Soldaten in Deutschland, die fast nie die Kaserne verlassen durften, hier lebten. 400 bis 500 Soldaten jährlich seien desertiert.

Glücklicherweise sei er nie selbst an einer Festnahme beteiligt gewesen, sagt Stöckel. „Das haben die Russen selbst gemacht.“ Was mit einem dieser jungen Männer passiert sei, habe er, nachdem er damals nur das Gerücht gehört hatte, bei den Recherchen zum Buch bestätigt bekommen. Er sei in eine Scheune gesperrt worden, die man in Brand geschossen hat. Überlebt haben konnte er das nicht.

Sayan aber überlebt, nicht zuletzt, weil er sich als Teil der Natur versteht, in und mit ihr zu leben weiß. Inspiriert zur Herkunft der Figur habe ihn der in Maust bei Cottbus lebende Schriftsteller und Schamane Galsan Tschinag, der ein mongolischer Tuwine ist. Vielen im Publikum ist er mit seinen Büchern bekannt. Stöckel gibt die Verankerung seines Helden in dieser naturverbundenen Ethnie die Möglichkeit, die unabdingbare Verwurzelung des Menschen in der Natur zu vergegenwärtigen, was angesichts des überall voranschreitenden Raubbaus nötiger denn je erscheint.

Und der Blick in die Zukunft? Eigentlich ist er ein Kunstgriff des Autors, denn sein Held Radik sollte um die 30 Jahre alt sein. Wenn er 1995 geboren sein sollte, blieb nur der Schritt in die Zukunft, was den Unterhaltungswert des Romans durchaus steigert. Stöckels Zukunft sieht keineswegs düster aus, eher ein bisschen skurril mit der fliegenden E-Post, die handgeschriebene Briefe befördert, ab und zu von Vögeln angegriffen, die ihre Lufthoheit schwinden sehen. Die kommunale Polizeistation ist in einer, Bürgeler Porzellan nachempfundenen, fliegenden Untertasse untergebracht, in der es nur einen einzigen Beamten aus Fleisch und Blut gibt, der vor allem die Aufgabe hat, Menschen, die was wollen, hinauszuexpedieren.

Reinhard Stöckel hat seinem Roman ein Wort des Philosophen Peter Sloterdijk vorangestellt: „Jeder Mensch verdient es, als Mensch verstanden zu werden, nichts ist nur Schwarz oder Weiß, die Schattierungen gilt es zu finden.“ Stöckel ist das mit seinem neuesten Werk erneut gelungen, wie auch das große Interesse zeigte.