Der Mann kann nicht nur wunderbar schreiben, er hat auch ein dramatisches Talent. So wurde die Lesung von Rüdiger Safranski zu einer erlebnisreichen Reise in Goethes Ich. Nicht das Werk des größten Dichters der Klassik, der zeitlebens mit Schiller, auch Herder und Klopstock, konkurrierte und daraus Gewinn zog, stand hier im Mittelpunkt, sondern eine Persönlichkeit, die sich bewusst selbst erschaffen hat.

Wie Goethes literarisches Schaffen sollte auch sein Leben als gelungenes Ganzes - als Kunstwerk - überdauern. Das scheint gelungen. Wie sonst könnte es eine Goethe-Biografie in die Bestsellerliste schaffen, wenn er uns mit seiner Eigenwilligkeit und Genialität nicht bis heute beeindrucken und herausfordern würde. Noch dazu, wenn das alles so lebendig erzählt ist wie von Rüdiger Safranski. Er lässt den Leser in Goethes Seele schauen, psychologisiert nicht an ihm herum, sondern bezieht sich auf den Meister selbst und räumt so ganz nebenbei mit einigen Vorurteilen auf. Er nutzt Werke, Briefe, Tagebücher, Gespräche - auch Aufzeichnungen von Zeitgenossen. So entsteht auf unterhaltende Weise ein detailreiches Bild seines Lebens und seiner Zeit, die als Goethe-Zeit in die Geschichte eingehen sollte.

Safranski beschreibt Goethes Kindheit und Jugend, die Rolle des Vaters zwischen Bohéme und Spießigkeit, der die besondere Begabung des Sohnes erkennt und fördert. "Von Anfang an sammelt er jeden beschriebenen Schnipsel, auch ohne, dass er von Marbach (Literaturarchiv) wusste", erzählt Rüdiger Safranski nach der Lesung im Gespräch mit Peter Walther. Er spricht über die Frankfurter Zeit, wo der Dichter zum Star der Kunstszene wird - gefeiert und bedrängt. "Zu viel der Kunst" findet Goethe und flüchtet nach Weimar. "Er hatte das Gefühl, das Leben begreifen, wieder eine Balance zwischen Poesie und Realität herstellen zu müssen", kommentiert der Biograf, dem es so gut gelingt, sich hineinzuversetzen in seinen Protagonisten. Mehrfach habe Goethe sein Leben "nachjustiert". Die Flucht aus Frankfurt gehört ebenso dazu wie später die Italienreise. Eine Balance herstellen bleibt ihm ein Leben lang wichtig.

Er nimmt diese Maxime so ernst, dass er beispielsweise Sehhilfen ablehnt. Ein künstliches Aufhelfen der Unschärfe führe zu einem Ungleichgewicht zwischen innerer und äußerer Welt. Überhaupt sei der Mensch nur für einen beschränkten Umkreis geschaffen, in Bereichen, die er mit den Sinnen nicht aufnehmen könne, werde er hysterisch - sagt Goethe.

Zu den wichtigsten Begegnungen in Goethes Leben, ist Safranski überzeugt, gehört die mit Marianne Jung, der Pflegetochter und späteren Ehefrau seines Freundes und Bankiers Jakob von Willemer, den er im Sommer 1814 in Wiesbaden besucht. Es ist die Zeit, in der Goethe, angeregt durch den "Divan" des persischen Dichters Hafis, in eine "schöpferischen Hochstimmung" versetzt wird. "In nur zwei Monaten hatte er bereits 30 Gedichte geschrieben", so Rüdiger Safranski, der neben Germanistik auch Philosophie, Geschichte und Kunstgeschichte studiert hat. Er liest und die Zuhörer spüren mit ihm einer Liebesbeziehung nach, die sich nur in der Poesie erfüllt. Der damals 65-jährige Dichter nämlich war mehr als angetan von der schwarzlockigen 29-jährigen Marianne. Man muss es ihm angemerkt haben, denn kurz nach Goethes erstem Besuch heiratete Willemer sein Mündel.

Die Schranke im wirklichen Leben war gezogen - nicht aber auf dem Papier. Ein höchst erotisches Spiel der Poesie begann, in dem Marianne Suleika ist und Johann Wolfgang Hatem. " . . . jetzt mich liebst, mich später beglückst,/ Das sollen meine Lieder preisen/ sollst mir ewig Suleika heißen." Und sie schreibt: "Nimmer will ich dich verlieren!/ Liebe gibt der Liebe Kraft./ Magst du meine Jugend zieren/ Mit gewaltiger Leidenschaft." Das könnte auch heute einem Ehemann für eine klare Ansage reichen, doch Willemer scheint darüber zu stehen. Goethe selbst zieht einen Schlussstrich. Er will den "Zwiespalt" schließen und macht fortan um Frankfurt einen Bogen. Immerhin, man schreibt sich. In einem von Goethes letzten Divan-Gedichten heißt es: "Wunderlichstes Buch der Bücher/ ist das Buch der Liebe/ Aufmerksam hab' ich's gelesen/ Wenig Blätter Freuden,/ Ganze Hefte Leiden."

Im Gespräch mit dem Dichter und Vertrauten Johann Peter Eckermann bezeichnete Goethe die Schaffenszeit am "West-östliche Divan" als "wiederholte Pubertät". Sie habe ihn zu einem guten Poeten gemacht. In der Pubertät sei man noch genial, danach werde man langweilig. Darüber kann man trefflich nachdenken.

Man könnte Rüdiger Safranski noch stundenlang zuhören, mehr über Goethes zweifelhaftes Verhältnis zu Napoleon, seine Haushaltung mit Frau Christiane, seinen dichterischen Gebrauch von eigenem Leben oder die Arbeit am "Faust" erfahren, aber dann wäre seine ohnehin angeschlagene Stimme wohl weg. Glücklicherweise ist das alles mit Vergnügen und intellektuellem Gewinn nachzulesen. Rüdiger Safranski: Goethe - Kunstwerk des Lebens, Hanser Verlag, gebunden, 27,90 Euro.