„Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ ist, milde ausgedrückt, eines der ambitioniertesten Unterfangen der Fernsehgeschichte. Die Vorlage? Eine der komplexesten, detailreichsten Fantasy-Welten, die je erdacht wurde. Das Publikum? Eine eingefleischte Fanggemeinde, geübt in strenger Textauslegung.
Der (inoffizielle) Vorgänger? Ein Meisterwerk der Kinogeschichte, das Maßstäbe für ein ganzes Genre setzte. Die Kosten? Fast eine halbe Milliarde US-Dollar – für die erste Staffel allein. Dessen eingedenk, drängt sich eine Frage fast auf: Ist Amazons Mega-Serie zum Scheitern verurteilt?

Viele Fans haben vorab lustvoll lamentiert

Wer in den Wochen vor Veröffentlichung vor der Premiere in der Nacht von Donnerstag zu Freitag einen Blick in einschlägige Fan-Foren warf, konnte sich diesem Eindruck jedenfalls kaum erwehren. Egal ob fehlende Bärte im Gesicht weiblicher Zwerge oder die Einführung gänzlich neuer Charaktere – so penibel die vorab veröffentlichten Trailer und Teaser seziert wurde, so lustvoll wurde lamentiert.
Nun sind die ersten beiden der auf insgesamt 50 Stunden angelegten Serie in der Welt. Und zunächst einmal lässt sich sagen: Die von vielen erwartete Vollkatastrophe blieb aus. Mehr als das. Der Auftakt ist sogar durchaus gelungen – und macht Lust auf mehr.

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Eine IMAX-Leinwand eignet sich zu Gucken besser als ein Laptop

Da ist zunächst einmal die enorme Bildgewalt, die vom ersten Frame an aus der Serie drängt. Mit Liebe zum Detail kreierte Sets wechseln sich mit atemberaubenden Landschaften ab. Die visuellen Effekten sind von einer solchen Klarheit, dass sie von echten Aufnahmen kaum zu unterscheiden sind. Die anmutige Pracht der Elbenreiche glänzt so in goldenem Schimmer. Die Kälte des rauen Steins in den Zwergenminen Khazad-dûms scheint förmlich spürbar.
Morfydd Clark spielt in der Serie "Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht" Galadriel.
Morfydd Clark spielt in der Serie "Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht" Galadriel.
© Foto: Amazon Studios
Nazanin Boniadi als Bronwyn in der Serie "Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht".
Nazanin Boniadi als Bronwyn in der Serie „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“.
© Foto: Ben Rothstein / Amazon Studios
Und die saftigen Auen, in denen sich Harfüßler tummeln, leuchten so grün, dass man direkt selbst barfuß über Gras rennen möchte. Bei einer solchen Blockbuster-Ästhetik scheint es fast unerhört, „Die Ringe der Macht“ auf einem wenige Zoll großen Laptop zu gucken. Geeigneter wäre da schon eine Basketball-Feld große IMAX-Leinwand.
Doch Amazons Version von Mittelerde sieht nicht nur phänomenal aus, sie klingt auch grandios – das gilt für Sounddesign und Soundtrack gleichermaßen. Die gezeigten Bilder epischer Schlachten wirken nicht nur dank klar klirrender Schwerthiebe enorm eindringlich. Es sind auch die Ehrfurcht einflößenden Chorpartien aus der Feder Bear McCrearys, die ihnen ihre Dramatik verleihen.
Überhaupt erweist sich der US-amerikanische Komponist als Glücksgriff. Statt bloßem Zierrat liefert er die musikalische Komplettierung der bombastischen Bildsprache. Das ins Nebelgebirge geschlagene Zwergenreich Morias erscheint mit seinen wuchtig-dumpfen Paukenschlägen gleich einige hundert Meter tiefer.

Serie beginnt in den frühesten Zeiten von Tolkiens Welt

Amazons Mega-Budget scheint also tatsächlich Produktionsmaßstäbe zu setzen. Doch wie sieht es in Sachen Handlung aus? Die Serie beginnt in den frühesten Zeiten Ardas, noch ehe die Menschen Fuß in dessen Kontinent Mittelerde setzen. Valinor, die zwei Bäume, ihre Zerstörung durch den dunklen Herrscher Morgoth, der Kampf der Elben gegen diesen „Schwarzen Feind“ – die spektakuläre Auftakt-Kollage führt tief in die Saga Tolkiens.
Um auch jene mitzunehmen, die nicht mit Textvorlagen wie dem „Silmarillion“ oder den „Nachrichten aus Mittelerde“ vertraut sind, lassen J. D. Payne und Patrick McKay, die beiden Showrunner von „Ringe der Macht“, Galadriel in die Geschichte einführen. Ein Kniff, den sie sich bei Peter Jackson abgeguckt haben. Auch der Neuseeländer bediente sich im ersten Teil seiner bahnbrechenden Filmtrilogie der Elbin und ließ sie aus dem Off Kontext liefern.

Auf der Jagd nach Sauron – auch damals schon

Galadriel (überzeugend dargestellt von Morfydd Clark) ist es auch, die im Mittelpunkt der ersten Folge steht. Anders als in den „Herr der Ringe“-Büchern ist sie noch nicht die anmutige Weise in den Wäldern Lothlóriens. Man sieht sie als Kind in Valinor, als trauernde Schwester des gefallenen Finrods und als noch junge Kriegerin, fest entschlossen, den Mörder ihres Bruders zur Strecke zu bringen: Sauron.
Dass der dunkle Lord den elbischen Sieg über seinen Herren Morgoth überlebt haben soll, glaubt außer Galadriel kaum jemand. Für viele sind „die Tage des Krieges vorüber“. Nicht so für die Elbin. Sie begibt sich allein auf die Suche – und verzichtet dafür sogar auf eine Rückkehr in die Unsterblichen Lande.
Neben dem Rache-Plot um die junge Galadriel führen die ersten beiden Folgen in zahlreiche weiter Handlungsstränge ein. Der ebenfalls aus der Geschichte um Frodo und seine Gefährten bekannte Elrond wird als smarter und ehrgeiziger Berater des Elbenkönigs Gil-galad vorgestellt. Der Freund von Galadriel wird von seinem Dienstherrn abbestellt, um dem Elbenschmied Celebrimbor bei einem ehrgeizigen Projekt zu assistieren.
Als eine Art diplomatischer Gesandter nimmt er die Zuschauer zudem mit in das prächtig ausgestaltete Zwergenreich Khazad-dûm. Sie erhalten so erstmals Einblick in die später von Zwergen wie Gimli viel beschworene glorreiche Vergangenheit von Durins Volk.

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Hobbit-Ersatz nur für komödiantische Einlagen?

Auch die von großen Zweifeln begleiteten Harfüßler haben bereits in Folge eins ihren ersten Auftritt. Hier steht vor allem die junge Nori im Zentrum. Sie begegnet einem mysteriösen Fremden, der wie ein Meteorit vom Himmel stürzt. Dass die Harfüßlerin mit ihrer Entdeckungsfreude nicht recht zu ihren scheuen und zurückgezogen lebenden Artgenossen passen will, könnte durchaus bewusst an den abenteuerlustigen und damit ganz untypischen Hobbit Bilbo Beutlin erinnern.
Die Befürchtung vieler Fans, die Halblinge, auf die Tolkien kaum eine Silbe verwendete, dienten in „Die Ringe der Macht“ nur als „Comic Relief“ konnten die ersten beiden Folgen indes nicht zerstreuen. Hier bleibt abzuwarten, wie sich die – ja noch unbekannte – Handlung weiterentwickelt.

Bildsprache in der Tradition von Peter Jackson

Es liegt in der Natur der Sache, dass neue Serien fast immer erst Fahrt aufnehmen müssen. Dennoch dürfte es dem Team um J. D. Payne und Patrick McKay bereits mit den ersten beiden Folgen von „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ gelungen sein, die Sorgen vieler Fans zerstreuen. Das liegt vor allem daran, dass sie ein gewisses „Mittelerde-Gefühl“ durchaus einfangen. Ästhetisch stehen sie dabei klar in der von Peter Jackson. Nicht umsonst ließ Amazon in der einzigartigen Landschaft Neuseelands drehen.
Als Eigenleistung der beiden Showrunner dürften vielmehr die geschriebenen Dialoge gelten. Anders als Jackson konnten Payne und McKay nicht auf einen ausgearbeiteten Roman zurückgreifen. Als Basis ihrer Serie dienten lediglich Anmerkungen und Register, die Tolkien seiner „Herr der Ringe“-Trilogie beigefügt hat. Dass trotz des ein oder anderen etwas schwülstigem Aphorismus („Ein Hund mag den Mond anbellen, aber vom Himmel holen kann er ihn nicht“), das gesprochene Wort der dargestellten Elben, Zwerge, Halblinge oder Menschen nach Mittelerde „klingt“, ist durchaus keine Kleinigkeit.
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Tolkiens Leitmotive sind bereits vorhanden

Tolkiens Werke sind Heldengeschichten mit reichem historischem Hintergrund. Wortmächtige Epen, getragen von einer tiefen Leidenschaft für Sprache. Egal ob „Herr der Ringe“, „Der Hobbit“ oder Texte wie „Beren und Lúthien“, die Zeilen des britischen Schriftstellers durchziehen Leitmotive wie Mut, Liebe, Freundschaft, Tod, der Kampf Gut gegen Böse, die korrumpierende Kraft, die Macht innewohnt, und das Hinauswachsen über sich selbst.
Dass diese Themen bereits in den ersten beiden Folgen von „Die Ringe der Macht“ angelegt sind, zeigt, dass die Macher den Geist von J.R.R. Tolkien verinnerlicht haben. Und wenn das nicht die Grundlage für eine gelungene Serie ist, was dann?

„Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ – Episodenguide

Die erste Staffel von „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ umfasst insgesamt acht Folgen. Die ersten beiden sind seit dem 2. September auf Prime Video abrufbar. Jede weitere Folge wird wöchentlich immer freitags ausgespielt. Das Staffelfinale gibt es am 14. Oktober.