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Der Hausmeister ist der Täter

Drehbuchautor Michael Proehl arbeitet mit Kindern in Burg.
Drehbuchautor Michael Proehl arbeitet mit Kindern in Burg. FOTO: Peter Becker/peb1
Burg. Sie haben sich in die Bar des Hotels zur Bleiche in Burg zurückgezogen Kaya, Louis und Hugo, Teilnehmer des Drehbuchschreiben-Workshops. Hier ist um diese Tages-Zeit noch nichts los. Renate Marschall

Sie brauchen Ruhe, um sich zu konzentrieren. In drei Tagen das Drehbuch für einen Film zu schreiben, ist schließlich eine anspruchsvolle Aufgabe. Wer wüsste das besser als ihr Coach Michael Proehl, einer der gefragtesten "Tatort"-Autoren.

So ein Drehbuch zu schreiben - auch für andere Filme - dauert Monate. "Das ist anders als bei einem Prosatext", erklärt Michael Proehl. "Man muss seine Geschichte so aufs Papier bringen, dass sie als Anleitung für ein Filmteam taugt." Es komme auch darauf an, wofür man schreibt. "Beim ,Tatort' weiß ich, mit welchen Kommissaren beziehungsweise. Schauspielern ich es zu tun habe. Da bringt jeder schon etwas mit." Außerdem hätten auch die Redaktionen der einzelnen Sendeanstalten oft Wünsche. Ein Glücksfall sei es, erzählt der Autor, wenn Sender ein bisschen mutig, experimentierfreudig sind, wie der Hessische Rundfunk. Die Redakteure dort hatten ihm grünes Licht für seinen extravaganten "Tatort: Im Schmerz geboren" gegeben. Mit Ulrich Tukur als Kommissar Murot war er ideal besetzt. Dei Männer auf einem einsamen Bahnhof, ein vierter steigt aus dem Zug. In dem Moment fallen die drei Männer um. Die Szene wie aus einem Western. Der aus dem Zug hat nicht geschossen. Was wirklich dahinter steckt, wird erst ganz am Ende klar. Dazwischen beobachtet der Zuschauer den in der Manier eines Shakespear'schen Dramas inszenierten Rachefeldzug eines Mannes. Wie auf dem Theater tritt eine der Figuren aus seiner Rolle heraus und fungiert als Erzähler.

Es ist der Tatort mit den meisten Toten. "Das ging überhaupt nur, indem wir die Handlung überhöht hatten", so Roehl. Erwartungsgemäß reagierte die Krimigemeinde gespalten. Michael Proehl findet das gut: "Ich mache gerne polarisierende Filme." Das Grimme-Institut honorierte das gelungene Experiment 2015 mit einem Preis. Im gleichen Jahr gab es auch die Goldene Kamera. Nicht sein einziger mit Preisen bedachter Film.

Ein Erfolg, den sich Michael Proehl über Jahre erarbeitet hat. "Viel Glück gehört auch dazu", weiß er. Sieben Jahre habe er nach dem Studium an der Filmakademie Ludwigsburg gebraucht, um sich als Drehbuchautor zu etablieren. Das war schnell. "Man muss an sich glauben", sagt der Filmjunkie, der schon als Jugendlicher in seiner Geburtsstadt Frankfurt am Main häufig im Filmmuseum und im Kino anzutreffen war. "Ich habe mir viele Filmklassiker angesehen, vom Stummfilm bis zum achtstündigen Andy-Warhol-Film.

An sich glauben das, gilt auch beim Schreiben eines Drehbuches. Man müsse überzeugt sein: Das ist der beste Text, den ich je geschrieben habe, dann aber diese Haltung fallen lassen können, wenn andere - Redakteure, Regisseure anfangen, ihre eigenen Intentionen unterzubringen. "Da ist viel Psychologie dabei", sagt Proehl lächelnd. Wie weit man mitgeht? Es sei auch schon mal ein Film mit einem Pseudonym im Abspann erschienen.

Auch seine Schützlinge im Hotel Bleiche müssen sich erst einigen, was für eine Story sie erzählen wollen. Während es die elfjährige Kaya eher gruselig und blutrünstig möchte - "ich liebe Horrorgeschichten" - wollen Louis und Hugo, zehn und neun Jahre alt, lieber etwas Realistisches schreiben. Auch der Vorschlag von Michael Proehl, einen 400 Jahre alten Zwerg auftreten zu lassen, wird deshalb abgelehnt. Ein spannendes Erlebnis dreier Kinder im Hotel soll es sein, ein Krimi. "Zuerst haben wir uns das ganze Hotel angesehen", erzählt Hugo. Schließlich muss man ja wissen, wo die einzelnen Szenen spielen. Alles beginnt in der Hotellobby. "Ein Junge und ein Mädchen lernen sich kennen. Der Junge sucht das Amulett, das seine Mutter ihm zur Aufbewahrung gegeben hat, das ist verschwunden. Scheinbar hat der Hausmeister was damit zu tun", beschreibt Hugo. Als ihm die Kinder auf die Spur kommen, wird es noch richtig gefährlich.

Jeder schreibt die Dialoge seiner eigenen Figur. Die drei müssen gut zusammenarbeiten, damit die Geschichte stimmig ist. "Das macht Spaß", bestätigt Kaya, die auch sonst gerne schreibt - Horrorgeschichten natürlich. "Ich finde es gut, dass es diesen Workshop hier gibt, so hängt man nicht dauernd vor dem iPad." Louis findet es schwer, ein Drehbuch zu erarbeiten. "Das ist ganz anders, als eine Geschichte zu schreiben." Ein bisschen traurig ist er, weil er den Bösen spielt. Vielleicht tröstet ihn ja, dass sein Mentor für die drei Tage, diese Rolle für die interessanteste hält.

Wer weiß, vielleicht schlummert in Kaya, Hugo oder Louis ein Autoren-Talent, haben sie Lust bekommen, aus der Anregung mehr zu machen. Könnte sein, eines Tages lesen sie hier als Literatur-Stipendiat aus eigenen Manuskripten oder stellen ihren Film vor. 2016 hatte auch Michael Proehl ein Spreewald Literatur Stipendium erhalten. Für diesen Workshop ist er zurückgekehrt.