ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 16:57 Uhr

Interview mit Wolfgang „Paule“ Fuchs
„Wir waren fördertechnisch quasi Cottbuser“

Wolfgang „Paule“ Fuchs: „Wir hatten damals einen Fördervertrag mit der Konzert- und Gastspieldirektion Cottbus, weil die uns gut fand und weil die gar nicht so viele Bands im eigenen Bezirk Cottbus hatten, um ihren ,Plan’ bei der Förderung junger Musiker zu erfüllen.“
Wolfgang „Paule“ Fuchs: „Wir hatten damals einen Fördervertrag mit der Konzert- und Gastspieldirektion Cottbus, weil die uns gut fand und weil die gar nicht so viele Bands im eigenen Bezirk Cottbus hatten, um ihren ,Plan’ bei der Förderung junger Musiker zu erfüllen.“ FOTO: Gunnar Leue
Berlin/Cottbus. Der Gründer der Band POND, die diesem Jahr ihr 40. Jubiläum begeht, erinnert sich gern an die Lausitz. Von Gunnar Leue

Wolfang „Paule“ Fuchs war einst Elektronikrock-Pionier der DDR und Gründer der Band POND, die zu DDR-Zeiten im Bezirk Cottbus einen besonderen Status hatte und in diesem Jahr 40. Jubiläum begeht. Die RUNDSCHAU sprach mit Fuchs.

Herr Fuchs, POND feiern in diesem Jahr 40-jähriges Jubiläum. Es war die erste elektronische Rockband der DDR, und insofern schon damals ein historisches Projekt?

Fuchs Das kann man aus heutiger Sicht so sagen. Wir waren tatsächlich die erste Band, die elektronische Instrumentalmusik live spielte. Damit hatten wir definitiv eine Sonderrolle inne.

Sie waren zunächst Trommler in diversen Hardrockbands. Wie sind Sie auf die elektronischen Klänge gekommen, wo es in der DDR ja praktisch keine Inspiration gab, oder?

Fuchs Elektronische Musik war zu der Zeit in der DDR überhaupt nicht angesagt, stimmt. Aber eines Tages hatte ich die polnische Jazzrockband SBB im Palast der Republik gesehen, nur in Zweierbesetzung: ein Keyboarder und ein Schlagzeuger und die spielten wie die Tiere. Wahnsinn! So was stellte ich mir auch vor. Deshalb stieg ich bei Babylon aus, und unser Keyboarder Manne (Manfred Hennig/d.R.) kam gleich mit. Wir haben POND gegründet, aber zunächst relativ normalen Rock gemacht. Dann stieß Frank Gursch als Hammond-Organist dazu und so hatten wir mit zwei Keyboardern und einem Drummer eine total ungewöhnliche Besetzung. Als Clou hatte ich mir später noch in der einzigen DDR-Glockengießerei in Apolda eine Kirchenglocke gießen lassen, ein 65-Kilo-Teil. Auf die Idee mit der Glocke hatten mich Emerson Lake & Palmer gebracht, die ich besonders mochte und die auch eine benutzten. Ein Rentner hatte mir aus dem Westen das Album „Pictures at an Exhibition“ mitgebracht, auf der sie Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ adaptierten. Das fand ich absolut fantastisch, und das haben wir auch gespielt. Wir haben uns da richtig reingesteigert, was man auf einem frühen Konzertmitschnitt – mit einem japanischem Radiorekorder –, der auf unserer Jubiläums-CD enthalten ist, auch hört. Wir waren fast so gut wie ELP, würde ich mal behaupten. „Bilder einer Ausstellung“ haben wir 1979 sogar mit dem Sinfonieorchester Cottbus aufgeführt.

Im Staatstheater Cottbus?

Fuchs Nee, nee. In einer alten Gaststätte in Werben, wo immer ganz viele Bands aufgetreten sind. Wir hatten damals einen Fördervertrag mit der Konzert- und Gastspieldirektion Cottbus, weil die uns gut fand und weil die gar nicht so viele Bands im eigenen Bezirk Cottbus hatten, um ihren „Plan“ bei der Förderung junger Musiker zu erfüllen. Als wir mit dem Sinfonierochester in Werben probten ging allerdings die Eierei los mit U und E. Die ausgebildeten Klassikmusiker schauten ziemlich verächtlich auf uns Langhaarige und hatten ständig irgendwas auszusetzen. Als aus unseren Synthesizern jedoch voluminöse, bombastische Streicher- und Harfenklänge kamen, waren sie ziemlich baff und das Eis rasch gebrochen. Wir haben dann gemeinsam ein paar Schülerkonzerte gespielt, wovon leider keine Aufnahmen existieren, und dabei auch schon einige eigene Stücke aufgeführt.

Nur ELP nachspielen hatte auf Dauer eben auch nicht befriedigt?

Fuchs Richtig, deshalb haben wir selbst Stücke geschrieben, zehn- bis fünfzehnminütige Kompositionen. Frank Gursch ist allerdings 1979 bei POND ausgestiegen, sodass wir ab dann nur noch zu zweit auftraten.

Ältere Leser wissen, dass die DDR jener Zeit so ziemlich der ungünstigste Lebensraum für eine Elektronikrockband war. Die materiell-technischen Voraussetzungen konnten kaum schlechter sein.

Fuchs Darüber hatte ich mir aber wenig Gedanken gemacht, als ich 1979 an einem Konzerttag in Görlitz in einem Schaukasten ein Foto gesehen habe, auf dem ein Typ mit Helm saß und um sich herum lauter Keyboards. Das war Klaus Schulze von Tangerine Dream, was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste. Das Foto hatte mich so beeindruckt, dass mir das auch vorschwebte. Natürlich war es ein Riesenproblem, sich die entsprechende Technik zu besorgen, die es ja nur im Westen gab. Ein Moog-Synthesizer kostete ein Heidengeld, weil man durch den 1:10-Umtausch auf dem Schwarzmarkt allein für so ein 2000 Westmark teures Gerät 20 000 Ostmark berappen musste. Und legal kaufen konnte man die Westtechnik ohnehin nicht. Zum Glück kannte ich einen Typen in unserem Haus, der als Fahrer beim diplomatischen Korps jeden Tag nach Westberlin rüber durfte. Mit seiner Hilfe wurde ich Besitzer des ersten Synthesizers in der DDR. Als ich den zu Hause angeschlossen habe und so tiefe Töne rauskamen, das das ganze Haus gezittert hat, fragten die Nachbarn ganz verstört: Wat brummt denn da so?

Und dann hieß es Konzerte, Konzerte, Konzerte, um das viele Geld für die Technik wieder reinzukriegen?

Fuchs Genauso, schließlich hatte ich es ja nur geborgt, bei meiner Oma und meiner Mutter. Einen Bankkredit für Instrumente – so was gab’s nicht im Osten. Wir haben auch viel über Fahrkostenabrechnungen bei den Veranstaltern reinbekommen, wenn wir von einem Konzert zum nächsten durch die DDR gereist sind.

Hatten Sie Kontakte zu den Kollegen und Vorbildern von Tangerine Dream in Westberlin?

Fuchs Tangerine Dream spielte ja 1980 im Palast der Republik in Ostberlin und da durften lauter Musiker vormittags kostenlos rein für ein kleines Extrakonzert, wo die Band einen Auszug ihres Programms vorführte. Wir haben natürlich alle gestaunt, was die so machen. Abends fand dann das eigentliche Konzert statt, und die Legende besagt ja, dass danach ein Barkas von Reinhard Lakomy vorfuhr und ein Moog eingeladen wurde. Fakt ist, dass ich über Umwege den Polymoog von Tangerine Dream gekauft habe. Zwei Westberliner Musiker hatten in der Musikzeitschrift „Riebes Fachblatt“ einen Orb-Synthesizer inseriert und ich habe die dann einmal, was ja wegen der Telefonverbindungen von Ost nach West schwer war, einmal an die Strippe bekommen. Die kamen dann beide rüber in den Osten nach Prenzlauer Berg und letztlich habe ich mir von ihnen die beiden Synthis besorgt, die ich brauchte: den Orb und den Roland mit Sequenzer. Unser erster Titel „Planetenwind“ ist dann gleich eingeschlagen wie eine Bombe. Auch die LP „Planetenwind“, die 1984 als erstes Album mit elektronischer Musik bei der Schallplattenfirma Amiga erschien, verkaufte sich hervorragend.

Auf Ihrem eigenen Label PONDerosa haben Sie in den vergangen Jahren einige bemerkenswerte Albumkonzepte realisiert, unter anderem „Gemälde einer Vernissage“ als Vertonung von Werken des Malers Willi Sitte, das Sie 2013 zusammen mit den Brandenburger Sinfonikern live im stillgelegten Stahlwerk Brandenburg aufgeführt haben. Was ist von POND, wozu Ihr alter Mitstreiter Manne Hennig wieder gehört, im 40. Jubiläumsjahr noch zu erwarten?

Fuchs Wir haben ja kürzlich das Doppel-Album „40 Jahre POND (Das Jubiläumskonzert)“ veröffentlicht, das aus einer CD mit Mitschnitten von Konzerten der Jahre 1979 und 1980 und einer DVD mit dem Zusammenschnitt des Jubiläumskonzerts 35 Jahre POND besteht. Wir werden ein paar Konzerte spielen, unter anderem am 12. Oktober in Dresden, und ansonsten lass ich mich selbst überraschen, was mir noch so einfällt.

Da wäre es doch logisch, auch mal wieder im Cottbuser Raum aufzutreten, oder?

Fuchs Das wäre gar keine schlechte Idee. Mal sehen, was sich noch so ergibt.

Mit Wolfgang „Paule“ Fuchs
sprach Gunnar Leue

POND live: 12. Oktober; Dresden, Tante Ju