Fast ist die letzte Szene des Märchens im Kasten. Die Dorfbewohner feiern die Rückkehr der Goldmarie aus dem Reich der Frau Holle und - anders als im Original der Gebrüder Grimm - die Versöhnung mit der einst faulen Schwester. Alle Episoden des Klassikers, die auf der Erde spielen, sind in dem Freilandmuseum Lehde entstanden.
Regisseur Bodo Fürneisen ( „Die Weihnachtsgans Auguste“ , Polizeiruf 110, Kommissar Rex) ist hochzufrieden an diesem sonnigen Tag - mit dem Wetter, dem Team, den Schauspielern - „alles Wunschkandidaten“ - und auch mit der Wahl des Drehortes. „Der Spreewald war für uns die Riesenüberraschung“ , sagt er. „Wir hätten kein Dorf nachbauen können. Das hier ist der absolute Glücksfall.“
Die Atmosphäre im Hof des Freilandmuseums ist friedlich. Die Schauspieler sind gut gelaunt und jeder der mehr als 70 Mitarbeiter am Set weiß genau, was er zu tun hat. Zwischen Weidenkörben und Strohballen liegen die Schienen für den Kamerakran. Gleich neben den Scheinwerfern steht eine Kuh. Gedreht wird mit lebenden Tieren. Fernsehtechnik und Natur teilen sich den Platz.
Herbert Feuerstein schreitet an Spreewaldhäusern und Heuschobern vorbei über den Hof zu seinem Scherenschleiferwagen. Sein Wildledermantel schwingt mit jedem Schritt. Er setzt sich seinen schwarzen Hut zurecht. In der Neuverfilmung erzählt Feuerstein als Scherenschleifer Timor die Geschichte von den zwei ungleichen Schwestern Luise (Camille Dombrowsky), der Schönen, aber Faulen, und Marie (Lea Eisleb), der Fleißigen und Warmherzigen. Die Witwe Weber, die Mutter der Mädchen, spielt Johanna Gastdorf ( „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ , „Kammerflimmern“ ). Franziska Troegner ( „Hallervordens Spottlight“ , „Charlie and the Chocolate Factory“ ) übernimmt die Rolle der Wirtin Hermine Krüger.
In der Drehpause setzt sich Franziska Troegner neben Feuerstein. „Seitdem du bei uns im Dorf bist, wird alles besser“ , sagt sie mit einem Augenzwinkern. Beide fühlen sich wohl mit und in ihren Rollen. „Das Märchen ist mir noch geläufig, ich habe ja auch schon Frau Holle gespielt“ , erzählt Troegner. Fünfjährig schon ein Bücherwurm, kennt auch der selbsternannte „Frühleser“ Feuerstein die Geschichte. „Aber wir erzählen sie nicht mit einem so grimmigen Ende wie die Gebrüder Grimm“ , verrät er. „Unsere Pechmarie bekommt eine zweite Chance.“ Dieses moderne Ende nach dem Drehbuch von Marlis Ewald ist ganz im Sinne des Regisseurs. „Wir sind versöhnlicher, optimistischer. Die Pechmarie wird wieder in die Gesellschaft aufgenommen. Das ist doch eine schöne, aktuelle Moral“ , sagt Fürn eisen.
Grimms Märchen haben schon immer zu den Lieblingsmärchen des Schauspielers Feuerstein gezählt. Sein Favorit war das „Rotkäppchen“ . „Als ich als kleiner Junge in einem Tierpark meinen ersten Wolf gesehen habe, soll ich ihn angebrüllt haben, wurde mir erzählt. Schließlich hatte er ja das arme Rotkäppchen gefressen“ , begründet Feuerstein den kindlichen Wutausbruch. Gebrüllt werde in Lehde nicht. Die Arbeit mit den „Hochprofis“ empfindet er als sehr angenehm. Und von dem Resultat ist der Kabarettist überzeugt. „Schnelle Schnitte, rhythmische Erzählweise, normale Sprache - das wird ein schöner Film für die gesamte Familie.“
Für die gesamte Produktion haben 15 Drehtage in Brandenburg und Berlin zur Verfügung gestanden. Gestern wurden die Arbeiten abgeschlossen. Die Szenen des Märchens, die sich im Reich der Frau Holle abspielen, sind in einem Filmstudio in Berlin aufgezeichnet und mit Spezialeffekten sowie Sounddesign versehen worden. Dort war auch Marianne Sägebrecht als Frau Holle dabei, die im irdischen Märchenteil nicht vorkommt.
Im Auftrag der ARD werden bis zum nächsten Sommer insgesamt sechs Märchen der Gebrüder Grimm im gesamten Bundesgebiet verfilmt, darunter „Der Froschkönig“ , „Tischlein deck' dich“ und „Das tapfere Schneiderlein“ . Zur Weihnachtszeit 2008 wird die ARD die Märchen-Klassiker präsentieren.