" In Deutschland fühlt er sich vor allem in zwei Städten wohl: München und Dresden. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks leitete er von 1983 bis 1992, bei der Sächsischen Staatskapelle ist er Ehrendirigent. Heute wird Sir Colin Davis 80 Jahre alt. Wer ihn dirigieren sieht, mag das nicht glauben.
Davis stammt aus der Kleinstadt Weybridge im Südosten Englands. Seine musikalische Karriere begann Davis als Klarinettist. Beim Militärdienst blies er in einer Band der Kavallerie. Doch schon bald wechselte er zum Dirigieren ins klassische Fach. Am Sadler's Wells Theatre in London war Davis von 1961 bis 1965 Musikdirektor. Zu diesem Zeitpunkt hatte er in Amerika schon mit namhaften Orchestern wie den New Yorker Philharmonikern musiziert. Von 1967 an stand er am Pult des BBC Symphony Orchestra. Auch später folgten bekannte Namen - vom Boston Symphony bis zum London Symphony Orchestra.
1981 fuhr Davis erstmals auf holpriger DDR-Autobahn von Berlin nach Dresden. Für eine Schallplattenproduktion mit der Staatskapelle kam er ins Studio Lukaskirche. "Wir spielten Mozart und Davis war wie verzaubert", erzählt der damalige Chefdramaturg Eberhard Steindorf. Geiger Wolfgang Gieron vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beschreibt die erste Begegnung 1979 ähnlich: "Davis hatte ein Art zu musizieren, die völlig losgelöst war, ohne Druck auf das Orchester. Es war vom ersten Tag an ein blindes Verstehen."
"Es ist unnötig, ein Tyrann zu sein. Es bringt nichts, wenn die Musiker aus Furcht spielen", sagt Davis. Leider gebe es diesen Typus in der Branche immer wieder. "Ein Orchester kann man nicht wirklich kontrollieren. Man muss einen gemeinsamen Weg finden." Davis hält die Musik für eine Möglichkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren. "Sie ist eine gemeinsame Sprache. Musik braucht keine Worte." Mit allen Komponisten sei er klar gekommen. Nur ein Ausnahme nennt er spontan: "Prokofjew - ich weiß nicht warum. Er spricht nicht zu mir."
Mozart, Berlioz, Sibelius - diese drei Namen gehören zu Davis wie die Saiten ins Klavier. Steindorf sieht den Briten stets der "Sache" verpflichtet. "Da gibt es keinen Flitterkram, da gibt es nur die Partitur." "Für mich ist das seine hervorstechende Eigenschaft. Er hat sich nie in den Mittelpunkt gestellt, sondern dort nur das Werk und das Orchester gesehen", fügt Gieron hinzu. Davis selbst spricht vom "Lebenselixier Musik". "Die alten Dirigenten leben davon. Die Musik hält sie gesund", meint Dresdens Konzertmeister Kai Vogler.
Gieron hat den Maestro auch in komplizierter Lage souverän erlebt. Auf einer Probe platzte ihm 1985 beim Dirigieren eine Naht. "Als wir lachten, riss er sich den ganzen Ärmel ab und machte einfach weiter." An Isar und Elbe wird sein Engagement für den Nachwuchs geschätzt. Oft ging er ins Konservatorium oder dirigierte Studenten. Gieron: "Heute ist das üblich. Aber Davis hat es schon vor 20 Jahren gemacht, als es noch nicht modern war." Den Titel Gentleman lehnt Davis selbst ab. "Ich bin kein Gentleman. Ein Gentleman arbeitet nicht."