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| 02:47 Uhr

Der ganz gewöhnliche Beziehungswahnsinn

Laura Maria Hänsel (Sonja), Oliver Seidel (Henri), Sigrun Fischer (Ines Finidori) und Gunnar Golkowski (Hubert Finidori / von unten nach oben) in "Drei Mal Leben".
Laura Maria Hänsel (Sonja), Oliver Seidel (Henri), Sigrun Fischer (Ines Finidori) und Gunnar Golkowski (Hubert Finidori / von unten nach oben) in "Drei Mal Leben". FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Das Stück von Yasmina Reza "Drei Mal Leben" wurde von Luc Bondy im Jahr 2000 in Wien uraufgeführt und im gleichen Jahr 28 Mal nachinszeniert. Es behauptet sich bis heute auf vielen Bühnen. Nun ist es auch am Staatstheater Cottbus zu sehen. Hartmut Krug

Schon wieder viel gelacht in Cottbus. Und wieder auf hohem Niveau. Bei einem tollen Stück mit wunderbaren Schauspielern. Die Pariserin Yasmina Reza, Tochter eines in Moskau geborenen usbekischen Juden und einer ungarischen Mutter, ist die wohl erfolgreichste Komödienautorin der Welt. Ihr Thema: der Beziehungsalltag der bürgerlichen Mittelschicht.

Alles spielt zwischen Wohnzimmersofa und Kinderzimmer. Sonja arbeitet Akten auf, als Ehemann Henri aus dem Kinderzimmer kommt. Oliver Seidel gibt diesen Henri vom ersten Blick an als einen schlaff verduckten Mann, der den Wunsch des ins Bett gebrachten Sohnes nach einem Keks (nach dem Zähneputzen! Im Bett!) vorträgt wie jemand, dem die ängstliche Erwartung auf den ehefraulichen Widerspruch schon in der Körperhaltung anzusehen ist.

Barriere aus Regeln

Sofort ist klar: Das wird eine größere Sache. Denn Laura Maria Hänsel, als Sonja tough, energisch und genervt von der Nachgiebigkeit ihres Mannes, baut gleich eine Barriere aus Erziehungsregeln auf. Wenn die mit dem Pragmatismus des Mannes zusammenstoßen, und wenn der Sohn nach erstem Zugeständnis jeden neuen Wunsch mit Geschrei untermalt, dann überdreht sich der kleine Erziehungsstreit schnell ins Grundsätzliche, ja unterschwellig existenzielle.

Furios, wie die Autorin dabei gegensätzliche Haltungen ins Extrem überführt. Wahnsinnig komisch, wie die Darsteller ihre Figuren nie als Komiklieferanten missverstehen, sondern sie als realistische Figuren in eine ganz normale Beziehungskrise schlittern lassen. Denn unter den Konflikten, ob noch Keks oder Apfel, noch Geschichte erzählen oder Kassette hören gewährt wird, und warum oder warum gerade nicht, scheinen die Verhärtungen und Verwundungen einer Ehe hervor. Wie sah man einst den Partner, und was ist daraus geworden? Das kann ja nur als tolles Lachtheater daherkommen. Dann aber klingelt es an der Wohnungstür, und der echte Wahnsinn beginnt. Hubert und Ines Finidori kommen unerwartet. Zwar sind sie einer Abendeinladung gefolgt.

Doch wer auch immer sich geirrt hat: Der Termin stimmt nicht. Nichts ist vorbereitet: kein Essen im Haus, und nur Sancerre als Getränk. Ein quengelnder Sohn im Hintergrund, dazu ein Paar zu Besuch, von dessen Mann sich der Gastgeber berufliche Vorteile verspricht und dessen Frau gleich Position im Erziehungsstreit bezieht: Schon das wäre genug für eine komische Katastrophe. Doch Hubert macht nicht nur Witze auf Kosten seiner Frau, er ist auch eitel großsprecherisch und ein richtiges Ekel (herrlich aufgeplustert und voll verschleimter Bosheit: Gunnar Golkowski). Er berichtet Henri so beiläufig genüsslich wie bösartig von einer Veröffentlichung, die er gerade im Internet gesehen habe.

Ein Blick ins All

Über ein Thema, zu dem Henri eine für seine Karriere als Astrophysiker wichtige Veröffentlichung herausbringen wollte. Ob irgendwelche Sternenobjekte, Halos, im Weltraum abgeplattet oder kugelförmig sind, ist darin die Frage, die die Frauen weder ganz verstehen noch wichtig finden und die für die Zuschauer eine neue Lachebene einzieht. Während Henri am Boden zerstört ist und Hubert in dessen Wunde stochert. Wir sehen zwei Astrophysiker, die ins All schauen, aber in ihren irdischen Beziehungen nicht durchblicken.

Dass mit Amadeus Gollner ein Schauspielerkollege die Darsteller in das Duell um Seins- und Beziehungsfragen geführt hat, merkt man an der zugleich lockeren wie ungemein intensiven Spielweise dieser brillanten Inszenierung. In der die Autorin immer neue Volten schlägt und viele neue Beziehungskonstellationen hervorruft, so überraschend wie nicht immer ausrechenbar. Da geht Ines auf Avancen des vor ihr heftig angegriffenen Hubert ein, obwohl sie ihm gerade seine ironische und gehässige Verhaltensweise gegenüber ihrem Mann vorgeworfen hat. Dem wiederum nimmt sie seine Unterwürfigkeit gegenüber Hubert Finidori übel.

Das Geniale an diesem Stück ist, das der Zuschauer unentwegt glaubt, eigene Verhaltensweisen zu erkennen oder angeregt wird, diese zu befragen, dass aber zugleich nicht alles Verhalten und Tun der Bühnenfiguren völlig eindeutig erklärbar ist.

Viel passiert im Kopf des Zuschauers. Das ist ja nicht das Schlechteste, was man von einer Theateraufführung sagen kann.

Alles zurück auf Anfang

Dann aber wird alles auf Anfang zurückgespult. Die Ehe- und Besuchssituation wird zweimal wiederholt. Allerdings mit Variationen. Woraus die Figuren Tiefenschärfe gewinnen und die Zuschauer zur Aufmerksamkeit angehalten sind. Wie sich die Figuren ändern und einander mit anderen Grundeinstellungen neu begegnen, ist dramaturgisch genial und schauspielerisch attraktiv. Es macht deutlich nicht nur dem Publikum, sondern auch den animierten Schauspielern Vergnügen. Wie zum Beispiel Sigrun Fischer aus der leicht spießig topfigen, "einfachen" Hausfrau und Mutter Ines, die sich gegen die herablassende Ironie ihres Mannes wehrt, nicht nur wegen ihres enormen Weinkonsums mit vollem Körpereinsatz eine Frau mit vielen Facetten macht, ist allein den Abend wert.

Oder wenn das Ekel Hubert (Gunnar Golkowski) zur Kumpelei oder Trauer und durch Alkohol zur enthemmten Lockerheit gelangt. Oder wenn Oliver Seidel seinen Henri nun in Selbstbewusstsein und Aufmüpfigkeit überführt. So verwandeln sich die Darsteller immer wieder aufs Neue und bleiben dabei doch in ihrer Rolle. All das ist nicht nur ungemein gelächterträchtig, sondern verschafft dem Zuschauer auch ganz beiläufig Fragen zu und Erkenntnisgewinn über seine eigenen Verhaltensweisen.

Es gibt wenige Komödien, die mit so leichter Autorinnenhand so souverän über und unter der Abbild-Oberfläche des mittelständischen Beziehungs(un)wesens auf Forschungsreise gehen. Auch wenn das Stück eine Steilvorlage für Schauspieler ist: Wie die Cottbuser Schauspieler diese aufnehmen, ist schon beeindruckend. "Drei Mal Leben": ein toller Spielzeitabschluss.