Todestag des Lausitzer Schriftstellers, der Berliner Historiker Bernd-Rainer Barth den rund 200 Besuchern der Informationsveranstaltung im Spremberger Erwin-Strittmatter-Gymnasium. Die Stadt Spremberg und der Erwin-Strittmatter-Verein hatten die Veranstaltung organisiert. Bernd-Rainer Barth hat die Recherchen noch nicht abgeschlossen. Fotografien gefunden In Strittmatters "Erläuterung zu meinem Militärverhältnis" gegenüber der SED teilte er mit, dass er gleich nach dem Ende seiner militärischen Ausbildung in Eilenburg als Schreiber in den Bataillons-Stab gewechselt sei. Nach Barths Recherchen ist genau das sehr unwahrscheinlich. Die Schreiberstellen seien begehrt gewesen, und in aller Regel wären dafür Leute ausgewählt worden, die schon länger dienten. Im Jahr 1939 oder 1940 müsse sich Erwin Strittmatter um die Mitgliedschaft in der Waffen-SS beworben haben. Eine Karteikarte über die Eignungsprüfung ordne Strittmatter die Rassebewertungsformel 4/5B-AIII zu. Diese Formel, so Bernd-Rainer Barth, weist beschreibt ihn für die SS "im Allgemeinen geeignet". Mit dieser Bewertung sei er in die Vorauswahl geraten, so Barth, dann aber, aus nicht dokumentierten Gründen, abgelehnt und in die Schutzpolizei eingeordnet worden. Wie der Berliner Historiker weiter herausgefunden hat, sei Strittmatter Ende Februar oder Anfang März 1941 eingezogen worden - als Reservist, wie Strittmatter selbst betont. Nach Eva Strittmatters Angaben schreibe er in einem Brief vom 4. März 1941, dass er jetzt eingekleidet worden sei. Die Schule in Eilenburg bildete Nachrichtentechniker und Schreiber aus, aber auch Infantrie. Bernd-Rainer Barth zeigte in Spremberg eine Fotografie vom Gefängnis Montelupich in Krakau - es sei eher eine Art KZ gewesen und gehörte im Jahr 1941 zu den Einsatzorten der ersten Kompanie des Polizeibataillons 325 in Südkärnten, dem Strittmatter zugeordnet worden war. "Wir wissen nicht, was in den zwei Monaten geschehen ist und welcher Art die Einsätze waren", sagte Barth, fuhr fort mit Bildern vom Krakauer Getto, ließ lange ein Foto von vier erhängten Partisanen stehen. Als 1942 die Deportationen aus dem Getto begannen, soll Strittmatter an den Einsätzen nicht mehr beteiligt gewesen sein. Diskussion eröffnet Die Diskussion war eröffnet. Die Fragen nach der Vorbildwirkung eines Schriftstellers, nach dem Helden, nach dem Schweigen vieler deutscher Männer nach dem Krieg, nach den Parallelen zu Günter Grass kamen. Deutlich wurde, dass die Spremberger und auch Gäste aus Forst, Cottbus, Welzow, Hornow und anderen Orten der Region Strittmatter nicht fallen lassen wollen. Im Gegenteil, sie verstünden jetzt vieles besser, was sie gelesen hatten - im Werk und auch in einem Brief, in dem Strittmatter vor über 30 Jahren jungen Menschen erklärt hatte, warum sie ihrer Gruppe seinen Namen nicht geben sollten. Dr. Almut Giesecke, die Lektorin des Aufbau-Verlages, die Strittmatter durch den dritten Band "Der Laden" begleitet hatte, erinnert daran, dass sich Strittmatter immer als "Aufschreiber" bezeichnet habe. "Vielleicht glaubten deshalb viele seiner Leser, dass das, was er aufschrieb, der Wahrheit entspreche. Aber er benutzte seine Erlebnisse und Erfahrungen, um daraus Literatur zu machen. Er schreibt poetisierte Wirklichkeit. Unser Verlag steht weiter hinter dem Werk Erwin Strittmatters. Und vielleicht liest man es jetzt noch genauer, wenn man an diese Hintergründe denkt", so die Lektorin in Spremberg. Die Diskussion zu Erwin Strittmatter soll in seiner Geburtsstadt fortgesetzt werden. Das versprachen am Samstag der Strittmatter-Vereinsvorsitzende Manfred Schemel und der Bürgermeister Dr. Klaus-Peter Schulze. Und zwar spätestens im Sommer, wenn Bernd-Rainer Barth seine Recherchen abgeschlossen hat. Annett Igel