„Das war ja eine lange Buchpremiere“ , empfing mich Frau Christina, als ich danach zu Hause eintraf. „So viel kann man doch aus einem Bildband nicht vorlesen.“
O doch, man kann. Und das in mehrererlei Hinsicht. Die Veranstaltung war eine durchdachte Inszenierung in drei Akten. Im ersten Akt sinnierte Heron-Geschäftsführer Roland Quos ein bisschen dem Titel „Wetterleuchten“ nach. Dieser Naturerscheinung gewinnen Optimisten ihre Schönheit, Pessimisten aber die Bedrohung ab. Das sei wie mit der Bücherflut, in der Schöngucker das Glück jedes einzelnen Buches feiern, Griesgrame aber die Unmöglichkeit, alle Bücher - jährlich 70 000 Titel in Deutschland - lesen zu können, schmähen.
Dem „Wetterleuchten“ kann man sich übrigens auch von der Entstehung des Wortes her nähern. Es hat nichts mit „Leuchten“ zu tun, wenn uns das das Aufscheinen von Blitzen in der Ferne auch aufdrängt. Das Wort kommt vom Mittelhochdeutschen „weterleichen“ , entstanden aus „weter“ (für Wetter) und „leichen“ (für tanzen, hüpfen). Wetterleuchten ist also ein Zeichen, dass die Unbilden zum teuflischen Tanz angetreten sind.
Dem kann man folgen, wenn man dem Schriftsteller Matthias Körner zuhört, der als einer der Textautoren danach das Wort ergreift. Der zitiert ein paar Rechnungen, die der Weltgeschichte ein Wetterleuchten, diesen dämonischen Tanz, beschert haben: das leninsche „Sowjetmacht plus Elektrifizierung ist Kommunismus“ (das auch seine DDR-Entsprechung hatte), das turbokapitalistische „Geld plus Energie gleich noch mehr Geld“ und die Lausitzer Landkarten-Sorge „Energie minus Heimat gleich Arbeitsplatz“ . Körners Kommentar: „Und immer hält Kläber die Kamera drauf.“
Herbert Schirmer, in der Wendezeit ein halbes Jahr lang letzter DDR-Kulturminister, sprach über die Dialektik von Freude und Schwierigkeiten beim Umgang mit der Kunst dieses Fotografen. Kläber sei ein feinfühliger, behutsam agierender Chronist, der mit sozialer Verantwortung und ethischem Anspruch künstlerisch überhöht pointiert. Eine Freude sei das, gepaart mit der Schwierigkeit, den Text auf die Intentionen des Bildautors einzustellen. Wetterleuchten, wir hörten es von Quos, entzweit Betrachter. Und vereint sie wieder: Schirmer würde wieder mal Partner sein.
Zweiter Akt der Buchpremiere: Schirmer und Quos befragen die vier „Buchmacher“ : den Verleger, den Bildautor, Körner und Buchgestalter Kai-Olaf Hesse, der 600 Fotos zur Auswahl hatte und Sorge trug (oder Angst davor hatte), dass ja nichts aus der Erfahrungswelt des Thomas Kläber fehlinterpretiert werde. Ein Mann mit Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung, erkannte er schnell Unterschiede in der Sozialisation zwischen Ost und West. Eine Vorsicht, die dem Buch, wie es nun vorliegt, gut zu Gesicht steht.
Er möchte Bilder zum Lesen veröffentlichen, vermerkt Verleger Hansgert Lambers. In dieser Linie sei dieses Buch zu sehen. Er lege es, sagte er auf eine entsprechende Frage, allen Lausitzern, Menschen aller Altersstufen, allen, die zu sehen vermögen, ans Herz.
Der dritte Akt des Abends: das Signieren. Die Inbesitznahme der Bilder. Die Annahme des Titels, der so treffend ist und zufällig, aus dem Augenblick heraus, entstand, wie Kai-Olaf Hesse verrät.
Wofür steht das Wetterleuchten? Für düstere Bilder aus Berlin und Frankfurt/Oder, Betonlandschaften und Bröckelfassaden, Baustellen mit spielenden Kindern, Jugendliche mit fragenden Gesichtern. Wetterleuchten eines sich nahenden Tiefs sind Fotografien, die parteiliche Agitation und Wirklichkeit aufeinanderprallen lassen: eine trostlose graue Betriebskantine 1985 mit den Stühlen auf den Tischen und einer Uhr, die auf zwei Minuten vor zwölf steht und darunter die Losung „Gruß und Dank allen Werktätigen für ihren Beitrag zum Werden und Wachsen unserer DDR“ . Ein anderes Foto blickt in ein Büro an der Erdgastrasse mit den durch ein Schränkchen verstellten und von einem Paar dreckiger Stiefel flankierten Porträts von Honecker und Gorbi. Sachliche Dokumentationen für das Ende des Sozialismus.
Diesen kritischen analytischen Blick hat sich Kläber bewahrt. In anderen Kapiteln führt er uns Lausitzer Landschaft heute vor, die vom Menschen schmerzhaft in Anspruch genommen ist. Tote Kreatur auf den Straßen, von steigenden PS-Zahlen gemeuchelt, bietet sich als Metapher für unseren Umgang mit der Natur. Neues Wetterleuchten, das ernste Probleme ankündigt.
Thomas Kläber: Wetterleuchten. ex pose Verlag. 160 Seiten. 162 s/w- und 7 Farbbilder. 29,80 Euro.