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| 17:03 Uhr

Konzert
Noch da, John Maynard?

 Quicklebendig: der Club der toten Dichter.
Quicklebendig: der Club der toten Dichter. FOTO: Oliver Betke
Der Club der toten Dichter erinnert an die Gedichte von Theodor Fontane – im Herbst auch am Staatstheater Cottbus. Von Thomas Klatt

Es ist wahrscheinlich das bekannteste Gedicht von Theodor Fontane – diese Ballade vom Steuermann John Maynard, der mit der „Schwalbe“ über den Eriesee von Detroit nach Buffalo dem sicheren Ufer zurast. Doch das Schiff fängt Feuer, die Passagiere aber werden gerettet. Nur ihr Steuermann, John Maynard, der die „Schwalbe“ in die Brandung steuert, überlebt die Fahrt nicht. Sie ist eine der wenigen deutschen Heldensagen, die die Geschichte unbeschadet überstanden haben. Zuerst veröffentlicht im Jahre 1886, wehrt sie sich seitdem gegen jegliche Vereinnahmung. Könnte es daran liegen?: der Held ein einfacher Matrose. Der Spielort: nicht deutscher Boden.

Reinhardt Repke, Gründer und Komponist des Clubs der toten Dichter, hat diese Ballade und 14 weitere Gedichte, darunter „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ von Theodor Fontane in eine lyrische Liedform gebracht. Erfahrung hat Repke darin, denn der Club der toten Dichter, eine jedes Mal ad hoc zusammengestellte Band, mit ihm als Frontmann und Gitarristen, hatte sich in den vergangenen Jahren schon Heine, Rilke, Busch und Bukowski mit eigenen Programmen zugewandt.

Warum Fontane? Des Jubiläums wegen? „Nein“ sagt Repke, es sei einfacher. Er wohne in Berlin in einem „Dichter-Viertel“, da gäbe es auch eine Fontane-Straße, was schon seit Längerem Anlass zur Annäherung gewesen sei. Dazu kam, dass ihn ein Freund aus Neuruppin auf Fontane aufmerksam gemacht habe. Neuruppin ist schließlich die Heimatstadt Fontanes – hier begann er seine „Wanderungen durch die Mark“ und setzte der märkischen Mentalität, dem kantigen, aber zuverlässig-geradlinigen Menschenschlag ein von Herzen kommendes Denkmal.

Das Album ist pünktlich zum Start des Fontane-Jahrs fertig geworden. Der Titel „So und nicht anders“ entstammt natürlich einem Fontane-Gedicht, in dem er sich als wenig spröder Dichter erweist. Gewohnt ist man das nicht, hat man doch mit Fontane mehr das Bild vom gestiefelten Preußen mit einigem Belehrungspotenzial vor sich als den Kämpfer der Berliner März-Revolution, der er auch war.

In Repkes Lyrikauswahl zeigt sich Fontane von vielen Seiten. „Entsagen und lächeln bei Demüthigungen / Das ist die Kunst, die mir gelungen. / Und doch, wär’s in die Wahl mir gegeben / Ich führte noch einmal dasselbe Leben“, heißt es in dem Titelsong. Als fast schon schicksalsergeben zeigt sich der Meister in dem Gedicht „In Hangen und Bangen“: „Der Götter Ohr ist Keinem offen / Der sich zergrämt in banger Nacht / Komm Herz, wir wollen gar nichts hoffen / Und sehn ob so das Glück uns lacht.“

An seiner Seite hat Repke wieder, wie bereits im Rilke-Programm, die Sängerin Katharina Franck. Die frühere Frontfrau der Rainbirds („Blueprint“) verleiht den Aufnahmen eine besondere Poesie. Noch immer strahlt ihre Stimme über alles hinweg. Manchmal in „John Maynard“ hebt sie unpathetisch, aber sehr wirksam, ein wenig die Stimme. „Noch da, John Maynard? Ja Herr, ich halt’s! Noch 15 Minuten bis Buffalo!“. Das Quartett wird vervollständigt mit der Akkordeonistin Cathrin Pfeifer, deren mehrfache Projekte sie nahezu rund um die Welt führten, und dem Jazz- und Rock-Musical erfahrenen Bassisten Markus Runzheimer.

Repke kommt ursprünglich aus der Ost-Rockmusik. Wie gelangt man da eigentlich zu solch lyrisch-musikalischen Abwanderungsabsichten? Wieder ist der Grund verblüffend einfach: „Ich hatte Liebeskummer“, sagt Repke. Da habe er bei Heinrich Heine nachgelesen: „Ich hab im Traum geweinet“ dichtete der schon im Jahre 1827. Das fand er passend zu seinem Gemütszustand, griff zur Gitarre und „erfand“ eine Melodie dazu. So wurde die Idee des Clubs der toten Dichter geboren.

Welcher seiner Poeten ihm am nächsten stehe? „Ich kann loslassen“, sagt Repke; es sei eher ein fließender Übergang von einem zum anderen. Und manchmal, wenn er das Gefühl hat, es gelinge ihm musikalisch etwas besonders gut, dann ist es, als stünde der Dichter neben ihm und gebe ihm noch ein paar Tipps.

Das ist eine besonders schöne Seite dieses Albums. Es zeigt einen Fontane, der bisher wohl nur Kennern bekannt war. In „Überlass es der Zeit“ zum Beispiel gibt sich der Dichter als gelassener Stoiker. „Erscheint dir etwas unerhört / Bist du tiefsten Herzens empört / Bäume nicht auf, versuch’s nicht mit Streit / Berühr es nicht, überlass es der Zeit.“

Reinhard Repke: „So und nicht anders. Club der toten Dichter“, Argon. Konzerttermin: 28. September: Staatstheater Cottbus, 19.30 Uhr, Großes Haus, Tickets  im Besucherservice des Staatstheaters und bei der RUNDSCHAU.

 Quicklebendig: der Club der toten Dichter.
Quicklebendig: der Club der toten Dichter. FOTO: Oliver Betke