25 Jahre Filmfestival Cottbus, da darf zur Eröffnung am Dienstag im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus natürlich gejubelt werden. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), Schirmherr des Festivals, spricht von einem "kulturellen Juwel". Aber auch davon, dass dieses Fest in Cottbus, das für Verständigung und Weltoffenheit steht, "heute wichtiger als je zuvor" sei.

Und die Nachdenklichkeit zieht sich durch den Eröffnungsabend. Anlässlich des diesjährigen Blickes der Festival-Sektion Global EAST in die Niederlande ist die niederländische Botschafterin Monique van Daalen am Dienstagabend zu Gast im Staatstheater. Sie sagt: "Der europäische Osten ist in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem Transitraum für Hunderttausende von Menschen geworden. Und unser Blick folgt dem der Medien, die über diesen Transit berichten: Er bleibt dort hängen, wo die Passage schwierig wird. An den Grenzen. Grenzen - ein Wort, das im EU-Kontext bis vor Kurzem noch zusammen mit dem Eigenschaftswort ,grün' vorkam. Heute wissen wir: Dieses Beiwort müssen wir uns in Europa zurückverdienen."

Wieder mal erweist sich, dass das Festival keine Veranstaltung ist, bei der es in erster Linie darum geht, wer wo mit wem in welchem Outfit und wie lange gesehen wird. Aber bevor es hier dann doch zu ernsthaft wird, lassen wir das Cottbuser Rock'n'Roll-Urgestein Russ Marasus auf die Bühne des Großen Hauses! Er hat zum Festival-Jubiläum ein "Cottbus VIP Orchestra" um sich geschart - von Kai-Uwe und Momo Kohlschmidt über Chris Hinze, Lutz "Lu" Schulz und Frank Schmidt hin zu Detlef Bielke. Was für eine Session! "Besser kann dieser Abend jetzt nicht mehr werden", murmelt meine Sitz-Nachbarin.

Und der Eröffnungsfilm? Nun, Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) stolpert quasi auf dem Weg zu ihrer neuen deutsch-polnischen Ermittlertruppe über ihren ersten Fall. Soll vorkommen. Dass öfter Polnisch und Russisch gesprochen wird - ohne Untertitel - funktioniert schon. Nicht aber die Tonqualität im Großen Haus, da geht viel Text einfach unter, es soll wohl durchaus witzige Passagen geben. Der Fall ist ein klassischer Filmfall mit vielen Querverbindungen, die man so höchst selten im Leben fände, und warum eigentlich der Mörder zum Mörder wird, erschließt sich nicht so recht. Aber vielleicht sieht sich dieser "Polizeiruf" am 20. Dezember im Fernsehen auch ganz anders an?

"Sauerkirschen" von Branko Schmidt aus Kroatien hat am Mittwoch den Wettbewerb eröffnet. Ein älteres Ehepaar kehrt in sein im Krieg zerstörtes Dorf zurück, richtet sich wieder ein. Sie wird zunehmend verwirrter, er gereizter. Ein Kammerspiel über die Hilflosigkeit angesichts der eigenen Schwäche und Gebrechen sowie die Unfähigkeit zum Trost. Mit bittersüßer Pointe.

In "Mittwochskind" zeichnet die Ungarin Lily Horváth das Porträt einer 19-jährigen Mutter, die sich eine Existenz aufbauen und ihr Kind aus dem Heim holen will, aber sich selbst immer wieder im Weg steht. Beeindruckend die Hauptdarstellerin Kinga Vecsei.

Der tschechische "Familienfilm" von Olmo Omerzu seziert die Struktur einer gut situierten Familie, bietet einige Überraschungen und eine nachgerade rührende Seitenlinie: Kann der auf einer Karibikinsel gestrandete Familienhund überleben?

Ein "Dämon" (Polen) ist am Tag der Hochzeit in den Bräutigam gefahren. Es ist ein Mädchen, das lange schon tot ist, ein Mädchen aus einem jüdischen Dorf, das lange verschwunden ist und an das sich keiner erinnern will . . . Verdrängte Geschichte kommt als rächender Geist zurück. Ein sehr spezieller Film, der von einigen Kritikern schon zum Favoriten erkoren wurde. Zusätzliche Tragik: Der hoch talentierte Regisseur Marcin Wrona hat sich am 19. September mit 42 Jahren das Leben genommen.

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