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| 01:32 Uhr

Der Bildhauer der Lausitzer Gegenwart

Seine Plastiken prägen Lausitzer Städte wie keine anderen Kunstwerke. Sein Erbe ist eine Kunst im Dienste der Menschenwürde. Vor zehn Jahren, am 30. Mai 2000, verstarb der Ehrenbürger von Hoyerswerda. Seither vertieften eine ganze Reihe von Ausstellungen und denkmalschützerischen Erfolgen die Erinnerung an ihn. Von Felix Johannes Enzian

Der Blick ins Text- und Bildarchiv der RUNDSCHAU ergibt: Still geworden ist es nie um Jürgen von Woyski, im Gegenteil, er macht auch nach seinem Tod regelmäßig Schlagzeilen. Leider waren unangenehme Nachrichten darunter: Die bis heute nicht aufgeklärten Diebstähle des Carl-Blechen-Standbilds und der Skulptur “Zwei Grazien„ aus Cottbus bestürzten im Jahr 2008 Kunstfreunde in ganz Brandenburg und Sachsen. Zumindest der Verlust des Blechen-Bildnisses hat sich inzwischen als unersetzlich herausgestellt: Es existiert keine Gussform für eine Replik.

Es überwogen jedoch - nach der traurigen Todesnachricht aus Dresden, wohin sich Woyski 1998 zurückgezogen hatte - bei Weitem die erfreulichen Neuigkeiten. Die öffentliche Anteilnahme, damals im Mai und Juni vor zehn Jahren, war außergewöhnlich groß. Sie schlug sich in einer Reihe von Nachrufen, Reminiszenzen und Anekdoten von Freunden, Weggefährten und Kunstkennern in dieser Zeitung nieder. Sie würdigen nicht nur sein Oeuvre, das seit Beginn von Woyskis Tätigkeit in Hoyerswerda im Jahr 1956 stets von großer Nähe oder wenigstens Auseinandersetzungsbereitschaft der Bevölkerung getragen war. Hervorgehoben wurde auch seine Ausstrahlung als charakterliches Vorbild, als Mensch mit Humor und Erzähltalent, als Förderer des Gemeinwesens und des künstlerischen Nachwuchses: Gerade die Pleinairs unter seiner Leitung sind unvergessen.

Quelle der Erinnerung an Woyski sind vor allem seine Werke im öffentlichen Raum: Allein in Hoyerswerda sind es rund 30, schätzt Angret Gläsel, die Vorstandsvorsitzende der vom Künstler noch selbst errichteten Woyski-Stiftung. (Es wäre zu überlegen, ob man statt von der Konrad-Zuse-Stadt Hoyerswerda von der Jürgen-von-Woyski-Stadt sprechen sollte.)

Wir finden seine Plastiken aber auch in Spremberg, Vetschau, Jessen, Magdeburg, Rostock, Eisenhüttenstadt oder Berlin. Für die Lausitz haben sie ikonischen Charakter, sind als Gesichter unseren Stadtlandschaften aufgeprägt. Man denke an die “Tänzerin„ im Zoo von Hoyerswerda oder den “Sorbenbrunnen„ in Cottbus.

Besonders treffend hat RUNDSCHAU-Kunstkritiker Arno Neumann die Bedeutung dieser Arbeiten im öffentlichen Raum in Worte gefasst: “Jürgen von Woyski hat den Menschen Kunst zu einer alltäglichen Selbstverständlichkeit werden lassen.„

Kulturgedächtnis in Bildern

Weil das Stichwort “Sorbenbrunnen„ fiel, eine Bemerkung nebenbei: Mit seiner Hinwendung zur sorbischen und bäuerlichen Lebenswelt hat sich der Bildhauer, auch mit kleinen Figuren, große Verdienste um diese Abteilung des Lausitzer Kulturgedächtnisses erworben.

Die Arbeiten im öffentlichen Raum sind allerdings neben Dieben (hoffentlich waren es wenigstens irregeleitete Bewunderer und nicht bloß Rohstoffverwerter) weiteren Gefahren ausgesetzt: Vandalismus, Witterung und Stadtumbau. In dieser Hinsicht brachten die letzten Jahre wiederum Erfreuliches: Beispielsweise konnten in Hoyerswerda die Brunnenplastik “Vogelflug„ im WK VIII und das Relief “Ländliches Fest„ im Zoo restauriert beziehungsweise umgesetzt werden.

Angret Gläsel sieht in solcher Denkmalpflege die Hauptaufgabe der Stiftung, die sich allerdings auf andere Städte ausdehnen müsse: “Wir wissen nicht, was überall steht, was gepflegt werden muss.„ Aktuelle Aktivitäten der Stiftung sind die Veröffentlichung eines Woyski-Katalogs mit rund 120 Werken, angekündigt für Juni oder Juli zum Preis von 12,60 Euro, sowie die Digitalisierung seines schriftlichen Nachlasses.

Weitere neuere Höhepunkte der Beschäftigung mit Woyski sind die Ausstellungen in den Schlössern von Hoyerswerda und Senftenberg im Jahr 2009 sowie aktuell laufend bis 6. September im Kraftwerk Schwarze Pumpe. Dort ist der Künstler auch als Aquarellist zu erleben.

Bescheidene Würde

Wer sein Schaffen betrachtet, das großenteils aus menschlichen Figuren besteht, dem fallen als deren wichtigste Ausstrahlungen die bescheidene Würde und das Harmoniebedürfnis auf. Mit zunehmendem Abstand von der Entstehungszeit wird deutlicher, wie sehr sich die Zeitzeugenschaft des 20. Jahrhunderts in Woyskis Werk eingeschrieben hat. Den Zweiten Weltkrieg erlebte der 1929 in Stolp (Slupsk) Geborene als Kind und Jugendlicher. Seine bald danach aufgenommene Bildhauertätigkeit scheint gekennzeichnet vom Bestreben, nun eine friedliche und menschenfreundliche Gesellschaft aufzubauen. Das zeigt gerade die Kunst am Bau, die als Versuch zu verstehen ist, die Betonlandschaften einer individualitätsbedrohenden Industriemoderne zu humanisieren. Diejenigen, die heute Woyskis Erbe hochhalten, teilen vielfach seine Erfahrungswelt. Es bleibt abzuwarten, ob auch die später Kommenden seine Botschaft noch verstehen.