So exzessiv wie er arbeitete, lebte er auch: Affären, Alkohol, Medikamente und Kokain - am Ende kam alles zusammen. Als Rainer Werner Fassbinder, der heute 60 Jahre alt geworden wäre, am 10. Juni 1982 in München starb, hinterließ der 37-jährige Regisseur ein Werk, das sowohl im Umfang als auch in seiner provozierenden Qualität in Deutschland immer noch einzigartig ist: über 40 Spielfilme in 13 Jahren, noch mehr Drehbücher, dazu Fernsehserien und Theaterstücke.
"Bist du so früh gestorben, weil du dich so beeilt hast„", fragte sein Star Hanna Schygulla in einem Nachruf. "Oder hast du dich so beeilt, weil du so früh stirbst“" Wahrscheinlich stimmt beides. Manche von Fassbinders Weggefährten meinen, der Regisseur habe sich auch aus eigenen Ängsten so in seine Arbeit gestürzt. "Das Wunderbare an diesem Widerling war: Er machte mit seiner Angst den anderen Mut. Wohl keiner von Deutschlands großen Künstlern hat sich so schonungslos preisgegeben", meinte einmal sein Kollege Hark Bohm. Für die vor wenigen Monaten gestorbene US-Autorin Susan Sonntag war Fassbinder eines der einmaligen Talente des 20. Jahrhunderts.
Der 1945 im bayrischen Bad Wörishofen geborene Fassbinder gehört zu den produktivsten und bedeutendsten Regisseuren des deutschen Films nach 1945. Filme und der Prozess ihres Entstehens waren für Fassbinder "immer auch der Versuch, von mir selbst etwas besser zu begreifen". So kompliziert seine Person war, so widersprüchlich ist auch sein Werk: Der manchen als bösartig und unkontrollierbar geltende Regisseur drehte hochsensible Filme in Rekordzeit. Allein 1969 entstanden zehn Filme, darunter "Liebe ist kälter als der Tod" und "Katzelmacher". In beiden Streifen spielt Fassbinder selbst einen Mann, der isoliert ist und letztlich scheitert.
Einen autobiografischen Stempel trägt auch die 1970 entstandene "Warnung vor einer heiligen Nutte", in der er Spannungen und Aggressionen in einem Filmteam thematisiert. Der Psychoterror auf der Leinwand gerät ihm, wie Betroffene erzählen, durchaus realistisch: Auch Fassbinder habe als unberechenbare Diva grausam und zärtlich sein können. Spätestens Anfang der 70er Jahre gilt der Fußballfan, damals Mitte 20, der Kritik entweder als Enfant terrible oder als "Wunderkind" des Neuen Deutschen Films. "Die bitteren Tränen der Petra Kant", das heikle Melodram "Angst essen Seele auf" oder seine präzise Fontane-Verfilmung "Effi Briest" erregen Aufsehen.
Die frühen Jahre der Bundesrepublik thematisiert Fassbinder am Beispiel von Frauenschicksalen in "Die Ehe der Maria Braun", "Lola" und "Die Sehnsucht der Veronika Voss". Fassbinder blickt dabei auf die Schattenseite des Wirtschaftswunders, auf Vereinsamung und Provinzialität. Ein Publikumserfolg wird "Lili Marleen" mit Hanna Schygulla als Sängerin Lale Andersen. Sein nach Kritikermeinung größtes und schönstes Werk gelingt ihm mit der Verfilmung des Romans "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin. In der 14-teiligen Fernsehserie setzt er der wilden, verunsicherten Figur des Franz Biberkopf ein Denkmal. Schwule Obsessionen verarbeitete er in der Genet-Adaption "Querelle", seinem letzten Film.
Die Meinungen über Fassbinders Homosexualität gehen auseinander. So meinte der Schauspieler Karlheinz Böhm, der zu den Protagonisten des Regisseurs gehörte: "Ich bin der festen Überzeugung, Rainer hat sich dieses Image der Homosexualität als Protest gegen den Vater zugelegt, aber auch als Protesthaltung gegenüber der Gesellschaft." Seine langjährige Cutterin und Leben sgefährtin Juliane Lorenz sagte: "Es hat Zeiten gegeben, in denen er als Schwuler gelebt hat, und andere Zeiten, in denen er bisexuell gelebt hat. Wahrscheinlich hat er lieber mit Männern geschlafen. Mit einer Frau, das war eher Arbeit für ihn, und er hatte auch Angst davor."
Die ARD zeigt derzeit ausgewählte Filme des Regisseurs. In Paris ist noch bis zum 6. Juni im Centre Pompidou eine Retrospektive zum Werk Fassbinders zu sehen, der in Frankreich bis heute als einer der wichtigsten Filmemacher Deutschlands gilt. "Es gibt drei Namen, die in Frankreich für das deutsche Kino stehen: Fassbinder, Wim Wenders und vielleicht noch Volker Schlöndorff, aber der wird schon zu stark mit Amerika assoziiert", fasste ein französischer Filmkritiker zusammen.