Was wäre, wenn sich unsere Regierung entschlossen hätte, angesichts der großen Krise keinerlei Staatshilfen zu leisten, um so eine Deindustrialisierung des Landes zu beschleunigen, ja das Land um Jahrhunderte zurück zu katapultieren? Was wäre, wenn die Regierung verkünden würde, das war alles ein Missverständnis mit der Großindustrie, den Treibhausgasen, der Massentierhaltung, mit BSE, der Kernkraft und dem Fernsehen auf 100 Kanälen. Das alles hat uns und unsere Welt ruiniert und deshalb fangen wir jetzt noch mal von vorn an, machen alles dicht und schicken 30 Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit? Das gebe wohl eine Revolution. Aber solche Vorfälle, das hat der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen schon vor 100 Jahren erkannt, sind in der menschlichen Geschichte nicht vorgesehen. Denn was den Menschen treibt, ist sein Egoismus, sind seine Bedürfnisse, die Lebensgeister, die unbedingt wach gehalten werden müssen, um das System am Leben zu erhalten. Ob das vernünftig ist, lotete Ibsen in seinem Stück "Ein Volksfeind" aus.Verseuchtes WasserIm Staatstheater Cottbus hatte es am Sonnabend Premiere. Regisseur Christian Schlüter hat in seiner Inszenierung die Unsicherheit des Textes, der sich zwischen Komödie und Tragödie nicht entscheiden kann, beibehalten und hat mit sehr moderaten Eingriffen in die Vorlage die Modernität des Stückes unterstrichen. Nicht der Streit um das verseuchte Wasser eines neuen Kurbades ist es, was das Stück so aktuell macht, sondern die Art des Krisenmanagements. Tomas Stockmann, sehr impulsiv gespielt von Rolf-Jürgen Gebert, hat die Entdeckung gemacht, dass das Wasser des neuen Kurbades seiner Heimatstadt durch Abwässer und anderes verseucht ist. Er sieht sich als Held, der für die Rettung seiner Stadt bereits einen Plan hat. Doch das kostet. Das weiß niemand so genau wie Stockmanns Bruder Peter, der Bürgermeister der Stadt. Amadeus Gollner geht ganz in der Rolle des kaltblütig kalkulierenden, geschliffenen Politikers auf, der für die eigene Reputation selbst seinen Bruder über die Klinge springen lässt. Der Bürgermeister versteht es, nach und nach die ganze Stadt auf seine Seite zu ziehen. Wenn Tomas Stockmann ihm Sätze entgegenschleudert wie: Das ganze ökonomische Wachstum ist auf einer Lüge aufgebaut, lässt Gollner das an seiner Figur ungerührt abperlen. Sowohl die Presse als auch die Kleinbürger und ihr Vertreter, der Buchdrucker Aslaksen (sehr überzeugend: Bernd Stichler), verfangen sich in des Bürgermeister fein gesponnenen Fäden. Kabarettische ZügeDie Ablehnung der Stadt schlägt dem Badearzt schließlich auf einer Bürgerversammlung heftig entgegen, der Schlüter Züge von politischem Kabarett gibt. Diesen Ball hat sein spielfreudiges Ensemble dankbar aufgenommen. In der Volksversammlung wird das Theaterpublikum, zwischen dem Statisten als aufgeregte Menge sitzen, selbst Teil der Inszenierung. Stockmann wird nun zum Volksfeind erklärt und droht tatsächlich wahnsinnig zu werden. Was ihn am Boden hält, ist seine, von Sigrun Fischer großartig zwischen Ängstlichkeit, Naivität und Entschlossenheit verkörperte Frau Katrine. Schlüters Inszenierung kommt natürlich zugute, dass das Stück mit seiner Schelte auf Parteien und deren Ich-bezogene Führer, auf den Unwillen der Aktionäre, ihre eigenen Firmen zu retten und dem Opportunismus der schweigenden Mehrheit gut in die Zeit passt. Ihre Lebendigkeit speist sich aber auch aus dem dynamischen Bühnenbild von Anke Grot, die seit mehreren Jahren mit Christian Schlüter zusammenarbeitet.Nächste Vorstellungen: 11. März, 3. April, jeweils 19.30 Uhr, Kartentelefon: 01803/440 344